Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Jörg Königsdorf

KLASSIK

Doppelrahmstufe: Die Wiener Philharmoniker in der Philharmonie

Die Wiener Philharmoniker sind wohl das einzige Orchester der Welt, das selbst Laien sofort am Klang erkennen. Der butterweiche Streichersound ist seit jeher das Markenzeichen der Wiener, und beim Gastspiel in der Philharmonie zeigt sich schon in den ersten Takten der „Pastorale“, dass sich daran kaum etwas geändert hat. Beethoven in Doppelrahmstufe: Behaglich mäandern sich die 16 ersten Geigen durch die „Szene am Bach“ und die „wohltätigen Gefühle“ des finalen Hirtengesangs besitzen die Ruhe eines nachmittäglichen Nickerchens. Fragen werden nicht gestellt, und auch die neue Beethoven-Edition von Jonathan del Mar liegt zwar auf den Pulten, hat aber offenbar zu keinem Nachdenken geführt.

Das wäre die Aufgabe des Dirigenten gewesen, doch Lorin Maazel wirkt nicht so, als ob ihn Erkenntnisdrang ans Pult getrieben hätte. Von der Klarheit mit der der 79-Jährige einst Debussy und Ravel dirigierte, ist kaum etwas geblieben. Der erste Satz von „La mer“ klingt bröckelig, über dem „Spiel der Wellen“ liegt ein Ölfilm, und auch der Streicherklang vermittelt wenig Wind-und-Wellen-Flair. Wien liegt eben nicht am Meer und als arkadischer Ort für Ravels „Daphnis“ taugt es ebenso wenig: Dick aufgetragene Streicher und dröhnendes Blech blähen das Schäferidyll zum Spektakel auf. Zum Glück weiß man, dass die Wiener ihren wunderbaren Klang auch anders zur Geltung bringen können. Hoffentlich zeigen sie’s beim nächsten Mal. Jörg Königsdorf

KLASSIK

Doppelsieg: Schauspielmusik mit dem Orchester der Komischen Oper

„Er setzt sich aufs Ruhebett. Musik.“ Der Regieanweisung Goethes ist zu entnehmen, dass er den Monolog Egmonts als Melodram gedacht hat. „Süßer Schlaf! Du kommst wie ein reines Glück.“ So spricht der Freiheitsheld vor seiner Hinrichtung. Und er träumt von der Freiheit in einer himmlischen Gestalt, die seinem geliebten Clärchen gleicht, „Siegessymphonie“ mit Zitat der berühmten Ouvertüre. So Beethovens Musik zu „Egmont“. Clärchen singt Lieder wie Gretchen im „Faust“. In der Praxis haben sich Trauerspiel und Orchesterpart bald getrennt.

Aber eine expressive Aufführung der Partitur ist geeignet, das sympathische Flair des sorglos auftretenden Volksführers zu beleben. Zumal im Theaterambiente, wo das Orchester der Komischen Oper zuhause ist und unter Heinrich Schiff geradezu bildhaft spielt wie in dem Oboenstück um Clärchens Tod. Brigitte Geller stellt sich ein Lied wie „Freudvoll und leidvoll“ ein wenig zu primadonnenhaft vor, während Dominique Horwitz den fernen Helden mit einer Aufgeregtheit charakterisiert, die Anteilnahme an dessen privatem Wesen weckt. Dass die Komische Oper längst ein souveränes Symphonieorchester besitzt, macht Schuberts C-Dur-Symphonie D 944 zu einer Klangfeier. Vom Hörnerbeginn spannt sich der Bogen zur Themenvergrößerung des ersten Satzes, die Holzbläser werden gefeiert, und als Vollblutmusiker genießt Heinrich Schiff die Gedankenfülle in der Jupitertonart. Sybill Mahlke

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