Kultur : KURZ & KRITISCH

Karl Hafner

FORUM

Das berühmte letzte Mal:

„Indigène d’Eurasie“ aus Litauen

Das große Ziel ist Westeuropa, am besten Paris. Gena, ein Gangster und Drogendealer, will mit seiner Freundin Gabrielle raus aus dem kriminellen Geschäft, raus aus Vilnius, der Hauptstadt Litauens, wo die beiden nicht einmal mehr genug Geld für die Wohnung haben. Der litauische Regisseur Sharunas Bartas zeigt in „Indigène d’Eurasie“ einen entwurzelten Kriminellen, der nicht mehr in seinem Land, sondern im internationalisierten Verbrechen zu Hause ist. Überall gibt es Altlasten, vergangene Fehden, nirgendwo kann sich Gena sicher sein. Halt findet er vorübergehend bei zwei Frauen, seinen Geliebten, deren Gesichter immer wieder in langen, verführerischen Großaufnahmen gezeigt werden. In Moskau versucht Gena, ein letztes Mal – das berühmte letzte Mal des Gangsterfilms – Außenstände einzutreiben, schmutziges Geld, das er früher mal in eine Rotlichtbar investiert hat. Natürlich läuft die Sache schief.

In ruppigem Rhythmus springt der Film von Schauplatz zu Schauplatz. Szenen werden angerissen, dann geht es weiter, in die nächste Stadt. Weitgehend wird auf narrative Erklärungen verzichtet. Wie etwa eine Flucht gelingt, ist nicht weiter wichtig. Regisseur Bartas zeichnet in diesem faszinierenden Gangsterfilm ein düsteres, hoffnungsloses Bild vom Leben in den Städten des ehemaligen Ostblocks. Die Goldgräberstimmung nach dem Zusammenbruch des Kommunismus ist vorbei, auch wenn es in den Innenstädten mittlerweile glitzert und glänzt wie in den Städten des Westens. Doch selbst Paris ist am Ende nur eine Großstadt von vielen. Karl Hafner

Heute 19 Uhr (Delphi), 14. 2., 16.30 Uhr (Cinestar 8), 16. 2., 20 Uhr (Cubix 9), 21. 2., 12.30 Uhr (Arsenal 1)

PANORAMA

Berlin-Bilder: „Wiegenlieder“ von

Johann Feindt und Tamara Trampe

Kindheit soll das Thema dieser Berlin-Dokumentation sein, die dem Genre der Großstadtpanoramen angehören will, aber durch Beliebigkeit und das Fehlen eines inneren Zusammenhangs enttäuscht. Zwar sind die Gesprächspartner der Regisseure interessant: Ein tschetschenischer Dichter, ein Rapper, ein Ex-Häftling aus der DDR, ein Komponist aus einem gehörlosen Elternhaus kommen zu Wort – wenn es ihnen von der Interviewerin im Off nicht rigoros abgeschnitten wird. Sie treibt und bevormundet die Menschen vor der Kamera, ungeduldig und ohne Gespür für die jeweiligen Gefühlslagen, mit denen sie es zu tun hat. Dass trotzdem eindringliche Szenen zustande gekommen sind, mag am unbedingten Selbstdarstellungswillen der Interviewten liegen. Drumherum gibt es Berlin-Bilder: bunt, fröhlich und romantisch, schäbig, rau und schmutzig – wie es dem Arm-aber-sexy-Mythos der Stadt entspricht. Und so scheinen die riesigen Seifenblasen, denen die Kamera ein wenig zu häufig nachschaut, emblematisch für den Bilderreigen (oder -regen) zu stehen. Daniela Sannwald

Heute 20 Uhr (Cinestar 7), 15. 2., 17.30 Uhr (Cubix 7), 16.2., 15.30 Uhr (Colosseum 1), 20. 2., 17 Uhr (Cinestar 7)

PANORAMA

Kunst aus Müll:

„Waste Land“ von Lucy Walker

Die Arbeiten des brasilianischen Künstlers Vik Muniz sind im besten Sinne politisch korrekt. 1996 porträtierte er karibische Kinder in Zucker, dem Stoff, dem ihre versklavten Vorfahren ihr Leben opfern mussten. Später wollte er statt solch symbolischer Wirksamkeit ganz praktisch die Welt verändern. Seine ebenso faszinierende wie größenwahnsinnige Idee: Kunst aus recyceltem Müll von der größten Müllkippe Brasiliens in Rio. Dafür will Muniz mit den dortigen Müllsammlern („Catadores“) zusammenarbeiten.

In „Waste Land“ begleitet Regisseurin Lucy Walker („Blindsight“, Panorama 2007) das Projekt von den ersten Konzeptideen bis zu dem Moment, wo Muniz gemeinsam mit dem vor Aufregung zitternden Catador Tiao in einem Londoner Auktionssaal die Versteigerung begleitet. Dazwischen die Arbeit selbst: Erst werden ausgewählte Modelle nach künstlerischen Vorlagen in Posen als Madonna oder sterbender Marat fotografiert. Dann füllen die Müllsammler die auf den Fußboden einer Halle projizierten Riesenbilder à la Arcimboldo mit alten Dosen, Flaschen und Kronkorken. Davon als Endprodukt wieder ein Foto mit der Großbildkamera. Bei näherer Bekanntschaft verwandeln sie sich schnell von Mitleid erregenden Elendsgestalten in selbstbewusste Recyclingarbeiter. Nebenbei sehen wir, mit welch enormem logistischen Aufwand die Produktion solcher Kunst verbunden ist. Walkers Dramaturgie orientiert sich etwas brav an den Regeln klassischer Narration mit ihren wohlplazierten Krisen und Plotpoints. Doch die Figuren sind stark genug, solch kleine Schwächen zu verkraften. Und sie gewinnen durch das Projekt an Selbstbewusstsein. Von den Auktionserlösen wird ein Recyclingzentrum errichtet. Gemeinsam reist man zur Ausstellungseröffnung nach New York. Am besten aber machen sich die Porträts in der eigenen Hütte an der Wand. Silvia Hallensleben

Heute 14.30 Uhr (Cinestar 7), 19. 2., 22.30 (Cinestar 7), 21. 2., 15.30 Uhr (Colosseum)

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