Kultur : KURZ & KRITISCH

Daniela SannwaldD
324270_0_9cd4aada.jpg
Sitzen, warten, zwischen Straße und Meer.

PANORAMA

Alte Strukturen:

„Zona Sur“

30 bis 40 Prozent der bolivianischen Bevölkerung sind Aymara, Angehörige eines indigenen Volkes. Präsident Evo Morales, ein Sozialist, der das Land seit 2006 regiert, ist einer von ihnen, der erste indigene Präsident des Landes. In „Zona Sur“, einem kleinen, schönen Familienfilm, der ein Licht auf überkommene Sozialstrukturen im Land wirft, sind die Aymara Dienstboten, auch wenn Koch und Butler Wilson das heimliche Familienoberhaupt ist. Vordergründig aber bedient er seine Arbeitgeberin Carola, eine geschiedene Frau, die viel arbeiten muss, um ihre zwei älteren Kinder auf Privatunis schicken zu können. Langsame Kamerafahrten tasten das geräumige Haus ab. Immer wieder werden Szenen in Spiegeln gezeigt, als ob sich diese weiße Oberschichtfamilie ständig ihrer selbst vergewissern müsste. In einer zu Hause abgehaltenen Seminarsitzung sprechen die Studentinnen über Klassenunterschiede – und lassen sich zugleich von Wilson bedienen.

Nur einmal verlassen Wilson und Carolas jüngster Sohn Andrés das Haus, um in das Heimatdorf des Kochs zu fahren. Es scheint, als ob alle Hoffnung auf Veränderung auf dem Kind liegt. Er wird vielleicht einmal begreifen, warum die alte Oberschicht ihre Privilegien verlieren muss. Die anderen bleiben hinter den vergitterten Fenstern der Villa Gefangene im goldenen Käfig. Daniela Sannwald

Heute 22.45 Uhr (Cinestar 3), 21. 2., 17.45 Uhr (Cinestar 3)

PANORAMA

Wilde Sechziger:

„Making the Boys“

Wozu ein Dokumentarfilm über ein Stück, das kaum noch gespielt wird? Weil es die literarischen Eintagsfliegen sind, die den Zeitgeist wiedergeben. Mit „The Boys in the Band“ hat Matt Crowley einen wichtigen Beitrag zur sexuellen Revolution der sechziger Jahre geliefert. Es handelte sich um ein Abschreibungsprojekt: Nach dem Erfolg von „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ stand Edward Albee vor der Wahl, hohe Steuern zu zahlen oder in eine neue Off-Broadway-Inszenierung zu investieren. Er entschied sich für Letzteres und förderte „The Boys in the Band“, ebenfalls eine bitterböse Schilderung einer aus dem Ruder gelaufenen Party – diesmal ganz unter Schwulen. Die Premiere im Januar 1968 war ein Triumph, unter den Zuschauern wurden Jackie Kennedy und Marlene Dietrich gesehen. Der gleichnamige Film ging zwei Jahre später sang- und klanglos unter. Er stand im Widerspruch zum Zwangsoptimismus der neu entstandenen Schwulenbewegung. Clayton Rubeys Doku lässt eine aufregende Epoche lebendig werden und verrät interessante Details, etwa dass der einzige Schwarze in der Gruppe an japanischen Bühnen von einem Koreaner verkörpert wurde. Zudem ist Crowley ein witziger, sympathischer Interviewpartner. Nur: Von dem Stück hätte man gern mehr gesehen. Frank Noack

Heute 12 Uhr (Cinestar 7), 21. 2., 20 Uhr (Cinestar 7)

PANORAMA

Fiese Bullen:

„Due vite per caso“

Ein Auffahrunfall in der Nacht. Der 24-jährige Matteo und sein bester Freund sind in ein geparktes Auto gekracht. Zwei Männer steigen aus. Zivilpolizisten, Prügelpolizisten. Matteo landet im Krankenhaus, mit einer Anzeige am Hals. Er habe keine Chance, dagegen zu klagen, meint sein Anwalt. Matteo beginnt, die Polizei zu hassen. Was wäre, wenn das alles nicht passiert wäre? Diese Frage versucht der italienische Regisseur Alessandro Aronadio in „Due vite per caso“ zu ergründen. Parallel zur ersten zeigt er auch die zweite Variante: kein Unfall, keine Gewalt, keine Anzeige, kein Hass. Matteo entscheidet sich jetzt sogar dafür, Polizist zu werden. In beiden Fällen läuft es jedoch auf das gleiche gesellschaftliche Problem hinaus: Trotz aller suggerierten Freiheiten ist das Leben der jungen Menschen nicht wirklich frei. Ökonomische Zwänge, Minimallöhne, Langeweile – das alles führt in beiden Varianten zu Frustration und Ohnmacht. Der Film ist inspiriert von den Ereignissen des G8-Gipfels in Genua, doch falls er wirklich politisch sein will, scheitert er an seiner Konstruktion: Letztlich entscheidet dann doch nur das Schicksal, ob jemand Opfer oder Täter wird. Dass sich dann beide Matteos auch noch treffen, ist schon eine ziemlich plakative Spielerei. Karl Hafner

Heute 20.15 Uhr (Cinestar 3), 21. 2., 20.15 Uhr (Cubix 7 & 8)

FORUM

Runzlige Hände:

„La belle visite“

Auf der einen Seite eine Durchgangsstraße, auf der anderen Seite das bleigraue Meer. Dazwischen das Gebäude des Altenheims in einem verschneiten Niemandsland in Quebec. Wer alt und schlecht zu Fuß ist, bleibt besser drinnen. Freundlich, geduldig und sehr genau hat der kanadische Filmemacher Jean-François Caissy ein Jahr lang die Heimbewohner beobachtet, ihre Freuden und Sorgen, vor allem aber die Umständlichkeiten protokolliert, die das Alter mit sich bringt. Den Rhythmus des Films hat er dem seiner Protagonisten angepasst. Man muss Geduld und Freundlichkeit mitbringen, um mit der Kamera auf runzlige Hände zu schauen, die einen Rosenkranz abtasten oder versuchen, eine Chipkarte in ihre Hülle zu stecken. Der Film guckt hin, wo man in den individualistischen Konsumgesellschaften lieber wegguckt. Man ahnt die kleinen Aufregungen des Alltags, wenn etwa eine Friseurin kommt und die Haare sämtlicher Damen in die gleiche Form bringt und, weit wichtiger, dabei nicht nur Löckchen, sondern auch Familiengeschichten aufgerollt werden. Zum Schluss begleitet man einen gehbehinderten Herrn bei seinem Gang ums Gebäude. Eine endlos scheinende Einstellung. Doch dann gewöhnt man sich an sie und ist fast enttäuscht, als sie endet. Daniela Sannwald

Heute 19.30 Uhr (Cinemaxx 4)

» Mehr lesen + gratis Kino für Sie!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben