Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Roman RhodeD

FLAMENCO

Erdenschwer und federleicht:

Paco de Lucía im Tempodrom

Ein Mann, eine Gitarre: Ganz allein sitzt Paco de Lucía zunächst auf der Bühne und stimmt die Ouvertüre zu seiner Flamenco-Fantasie an, die elegisch klingt oder schroff, die sich im lustvollen Spiel der Saiten erst zurücknimmt, dann in ein Feuerwerk vertrackter, rasender Gitarrenläufe mündet. Vor vierzig Jahren hat der Spanier die Flamenco-Gitarre revolutioniert. Seine Suche nach neuen Harmonien und Rhythmen führte ihn nach Brasilien, später in die USA, wo er mit John McLaughlin und Al Di Meola spielte, schließlich wieder zurück nach Spanien. Dort experimentierte er mit Flamenco Nuevo, Jazz und der modernen Klassik von Joaquín Rodrigo. Im Tempodrom tritt der Gitarrist mit seinem gewohnten Septett auf, doch die Besetzung verändert er zu jeder Tournee. So ist Antonio Serrano hinzugekommen, ein von Larry Adler geschulter Virtuose auf der Mundharmonika, der dem andalusischen Blues eine ungewohnte frische Spielart verleiht. Die Band wechselt zwischen erdenschweren und federleichten Klängen, vorangetrieben von den markanten Arpeggios und Tremoli Paco de Lucías, unterstützt vom kehligen Cante jondo der Sänger Cristo Heredia und Duquende, die von „Zigeunerstimmen im Maurenviertel“ singen. Als der 21-jährige Tänzer Antonio Farruco mit rabiaten Füßen und erhabener Pose auf die Bretter kommt, bricht im Publikum ein Sturm der Begeisterung los. Farruco, klein und mit langer Mähne, stammt aus einer der größten Tänzerfamilien Spaniens und hat sich doch seinen eigenen Stil geschaffen. Schon vor der Zugabe ist die Fiesta gelungen: „Zyryab“, einer der Hits von Paco de Lucía, gerät zur Apotheose des zeitgenössischen Flamenco und geht auf in einer Feuersbrunst. Roman Rhode

SHOW

Kultur und Krankenkasse:

Gayle Tufts im Admiralspalast

Ob Gayle Tufts das schöne Goethe’sche Wort „Wahlverwandtschaft“ kennt, weiß man nicht – aber ihre fast 20 Jahre andauernde Liebesaffäre mit Berlin fällt auf jeden Fall in diese Kategorie. Auch zur Premiere ihrer neuen Geburtstagsshow „Everybody’s Showgirl“ im Admiralspalast (wieder vom 20.-28.2., tgl. 20 Uhr, So 18 Uhr) unter der Regie von Melissa King liegt ihr das Publikum zu Füßen – und das, weil sie alles macht wie immer: Sie ist offenherzig, warm, selbstironisch, mädchenhaft und mütterlich zugleich, spendet Trost und Zuversicht und hat doch diesen harten metallischen Kern in der Stimme, der verhindert, dass man sie nur als knuddeligen Engel wahrnimmt. Die harsche Realität ihres Alters interpretiert sie natürlich positiv („Das Tolle an 50 ist, you get to say Sätze wie: Das ist eine Frechheit! They can’t get the fucking ice off the street: Das ist eine Frechheit!“). Unterstützt wird sie dabei von zwei strategisch klug ausgewählten Mitstreitern: Der 23-jährige („I have Lippenstift that is older than that“) Musicalstudent Christopher Brose von der UdK bedient das schwule und weibliche Publikum, während F. Dion Davis fürs amerikanische Kolorit sorgt. Streckenweise übertreibt es Gayle Tufts mit dem Ausschlachten ihrer Geschichte, etwa wenn sie ihre Biografie als Musical inszeniert. Später wird sie universaler, philosophiert über das innere Showgirl und liefert schlagende Gründe, warum sie in Deutschland lebt: „Kultur, Krankenkasse, cute boys, cheap beer“. Pragmatisch, nüchtern, man hört es gerne. Immer noch. Udo Badelt

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