Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Maxi Sickert

JAZZ

Kleiderwechsel: Christian Scott trompetet im A-Trane

An Selbstbewusstsein mangelt es ihm nicht. Schon am Eingang des Jazzclubs A-Trane werden Visitenkarten mit dem Bild von Christian Scott ausgeteilt, mit denen der 26-jährige Trompeter seine Twitter-Fangemeinde vergrößern und auf sein neues Album „Yesterday You Said Tomorrow“ hinweisen möchte. Der in den USA als Superstar gefeierte Musiker trägt das Hemd von seinem Albumcover, dazu Dreadlocks und einen Perlenohrring. Bei seinem letzten Auftritt vor zwei Jahren in Berlin gab er sich noch als Hood-Kid im Hip-Hop-Outfit mit tief rutschenden Baggypants, schweren Goldketten, entsprechenden Handzeichen und „Yo“s. Jetzt wirkt seine Band wie frisch aus dem College – mit Jeans, Krawatten, dunkelblauen Strickjacken. Was Scott damit signalisieren möchte, bleibt sein Geheimnis. Ebenso irritiert die Diskrepanz zwischen seinen provozierenden politischen Aussagen in Interviews, Album- und Songtiteln wie „Anthem“ nach dem Hurrikan Katrina oder „The 13th Amendment“ über Haftbedingungen in den USA und der Musik selbst, die sich im Mainstream des „Modern Jazz“ verortet.

Scott wirkt so sehr mit der Inszenierung seiner Musik beschäftigt, dass diese selbst sich im selben Moment verflüchtigt. Selbst die kompliziert gebauten Soli seines kanadischen E-Gitarristen Matthew Stevens schaffen keine konzentrierte Atmosphäre. So wirkt es fast hilflos, als er schließlich erklärt, die BBC habe sein neues Album gerade zum „besten Jazzalbum der letzten 50 Jahre“ erklärt. Wer immer das bei der BBC gewesen war, hat in den letzten Jahren offenbar einiges versäumt. Maxi Sickert

KLASSIK

Zeitenwende: Lothar Zagrosek dirigiert Beethoven und Haydn

Das Konzerthausorchester ist der Volvo unter den hauptstädtischen Klassikensembles: solide und zuverlässig, kommt aber manchmal etwas schwer in Schwung. Im Eröffnungssatz von Beethovens 1. Sinfonie beherzigen die Musiker alle interpretatorischen Details, die Chefdirigent Lothar Zagrosek mit ihnen erarbeitet hat. Und doch bleibt die Grundstimmung etwas zu gemütlich, fehlt das letzte Quäntchen Engagement. Erst ab dem Menuetto bringen sie das Werk dann klangrednerisch auf dem Punkt, rhythmisch prägnant, energiegeladen.

„Empfangen Sie Mozarts Geist aus Haydns Händen“, hatte Beethovens Gönner Graf Waldstein dem Komponisten bei seiner Ankunft in Wien geraten. Klug kombiniert Zagrosek zwei nahezu zeitgleich entstandene Werke von Lehrer und Schüler, lediglich unterbrochen durch Rolf Riehms pittoreskes Blockflötenkonzert (2007, Solist: Jeremias Schwarzer). Getragen vom wunderbaren Rias-Kammerchor erstrahlt Haydns letzte Messe von 1802 in all ihrer heiteren Glaubensgewissheit – und macht rückwirkend klar, welche Lava unter der klassizistischen Oberfläche von Beethovens sinfonischem Erstling gefährlich brodelt.

Haydn hat mit unermüdlichem Ideenreichtum alle Möglichkeiten jener Musiksprache ausgereizt, die damals gesellschaftlich akzeptiert war. Der junge Beethoven kann gar nicht anders, als diese Grenzen nun zu überschreiten, das macht Zagroseks Interpretation bei aller Eleganz unmissverständlich klar: ein Vulkan der Innovation, der bald ausbrechen sollte. Frederik Hanssen

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