Kultur : KURZ  &  KRITISCH 

KLASSIK

Raue Schönheit: Moskauer Solisten im Konzerthaus

Yuri Bashmet, von seinem Fanclub gern „Papst der Bratsche“ genannt, und Viviane Hagner treffen zusammen, um die Sinfonia concertante für Violine, Viola und Orchester von Mozart als märchenhaften Wechselgesang zu spielen. Es scheint, als verfertigten die beiden Musiker ihre Interpretation im Austausch der Gedanken, in der Spontaneität. Diese Unmittelbarkeit ist das Höchste, was sich aus der Freiheit einer souveränen Technik gewinnen lässt. Mozarts Meisterwerk zwischen den Gattungen des Barock und der Zukunft, zugleich Abschluss seiner Konzerte für Streicher: Das Doppelwesen erlaubt den beiden Solisten, ihre persönlichen musikalischen Vorstellungen zu realisieren, Linien in den Kadenzen zu träumen und zugleich die Melodien durchsichtig zu machen. Hagner und Bashmet realisieren das mit gespannter Musikalität. Die besonderen Charaktere ihrer Instrumente, die jubelnde Violine und die dunkel getönte Viola, gehören zum Glück des Ganzen. Yuri Bashmet verfügt über eine raue Schönheit des Bratschenklanges, die nicht zu überbieten ist. Das bedeutet, dass der russische Meister das Sonore liebt und niemals Geige auf der Bratsche spielt, wie es im Jargon heißt. Dankbar kommt ihm ein Monolog für Viola und Streichorchester entgegen, den ihm sein Freund Alfred Schnittke geschrieben hat. Nicht zuletzt feiert das Publikum das von Bashmet gegründete und dirigierte Kammerorchester der Moskauer Solisten. Diese Musiker zeigen vor allem in der Haydn-Sinfonie „La Passione“, dass die vitale Behutsamkeit ihres Musizierens auch bereit ist, Sturm und Drang zu entfesseln. Sybill Mahlke

ROCK

Schnoddriger Charme: Jamie T im Postbahnhof

Alles wie gehabt, nur eine Nummer größer: Der Postbahnhof platzt beim Konzert von Jamie T genauso aus allen Nähten wie vor drei Jahren der winzige Mudd Club. Aus der Rolle des Wunderkinds, dessen virtuos zwischen Gossenpoesie, Punk und Ska chargierendes Debütalbum quasi aus dem Nichts kam, ist der 24-jährige Brite herausgewachsen. Sowohl als Sänger, der auf schmerzhafte Weise seine Grenzen aufgezeigt bekam – seine Herbsttournee musste wegen einer Kehlkopfentzündung abgesagt werden –, wie als Gitarrist hat Jamie T an Souveränität zugelegt, ohne den schnodderigen Charme seines konsonantenreichen Vorstadt-Slangs einzubüßen. Die vier Pacemakers sind noch immer seine „best friends in the world“, haben aber tüchtig dazu gelernt, was vor allem durch das Funky-Drummer-Gedengel von Ben Bones dynamische Nuancen hinzufügt. Doch auf Nuancen kommt es nicht unbedingt an. Das sehr junge Publikum tobt sich mit schmerzverachtender Brachialmotorik aus, was bei „The Dance Of The Young Professionals“ bedenkliche Ausmaße annimmt. Angezettelt von dem nie um provozierende Sprüche verlegenen Hauptakteur, bildet sich ein rechtsdrehender Menschenwirbel, der wie ein Zyklon immer mehr der zaghaft am Rande Stehenden mitreißt. Doch ehe das Ganze aus dem Ruder zu laufen droht, schrubbt die Band schon „If You Got The Money“, zu dem sich die jugendlichen Heißsporne mit Bierbecherwürfen abreagieren dürfen. Nach gut 80 Minuten und dem noch mal die letzten Reserven mobilisierenden „Sticks’n’Stones“ ist dann Schluss mit Party. Darf wiederkommen, der Mann. Jörg Wunder

POP

Ernster Spaß: Thomas Quasthoff in Philharmonie

Eigentlich hätte Stevie Wonder ja mit ihm im Duett singen wollen. Als der aber erfahren habe, dass die Philharmonie nicht ausverkauft ist, sagte er wieder ab. Thomas Quasthoff versucht seine Kränkung über die freien Stuhlreihen im Witz zu ertränken. Doch der plätschernde Zuspruch für sein zweites Projekt jenseits der Klassik mit Abstechern in Soul, Pop, Blues und Jazz nagt am umjubelten Bassbariton. Auf seiner Erkundungstour vor CD-Aufnahme und Promotionwelle im Herbst will Quasthoff mit Musik begeistern, die ihm schlicht Spaß bereitet. Das muss er schon dazu sagen, denn so humorlos wie der Sänger sein Publikum zurechtweist, so grimmig, wie er sich durch die Songs knurrt, wäre man nie auf diese Idee gekommen. Quasthoff will den Blues haben, doch die Parkplatzprobleme als Professor in Mitte faszinieren ihn weit mehr. Er rühmt sich seiner „Winterreisen“ und Auftritte mit der „Newcomerband“ Berliner Philharmoniker. Aber all das hilft ihm nicht, um die schlichte emotionale Wahrheit eines „Danny Boy“ zu erfassen. „I Can’t Stand The Rain“: Quasthoff liest ab, was er besitzen sollte.

Wenn er es wirklich ernst meint mit dem Spaß, dann muss er den Schutzmantel des Klassikkaisers ablegen. Hinabsteigen von den Hubpodien der Hochkultur und dorthin gehen, wo man sich schon anstrengen muss, damit einem jemand glaubt, wenn man raunzt: „Please send me someone to love“. Stevie Wonder weilte irgendwo ganz weit von der Philharmonie entfernt. Und die Schuld des Publikums war das nicht. Ulrich Amling

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