Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

von

KLASSIK

Leichte Kost:

Neeme Järvi in der Philharmonie

Preisfrage für Intendanten: Für das Konzert der Berliner Philharmoniker haben Sie Christoph von Dohnányi als Dirigenten sowie Ligetis „Lontano“ und Bartóks Operneinakter „Herzog Blaubarts Burg“angekündigt. Die Philharmonie ist ausverkauft, der Deutschlandfunk überträgt live. Doch plötzlich erkrankt der Dirigent und dem Einspringer bleibt nur eine einzige Probe. Was tun? Pamela Rosenberg präsentierte folgende Lösung: Neeme Järvi macht die Philharmoniker erstmals in ihrer Geschichte mit Jean Sibelius’ leichtester Komposition, dem Andante festivo bekannt. Anschließend dirigiert er sicher und jovial, aber ohne wirklich Neues zu erzählen, bekannte Ouvertüren von Brahms und Weber und lässt darauf Griegs Peer-Gynt-Suite folgen. Höhepunkt ist das fast nur aus Schultern und Ellenbogen dirigierte Selbstportrait als Bergkönig, wobei das Publikum vor lauter intensivem Zuhören fast zu klatschen vergisst – bis Järvi einfach selbst damit anfängt. Spätestens jetzt sind Situation, Stimmung und Finanzen gerettet. Aber zumindest für jene Ligeti- und Bartókfans, die ihre Karten lieber im Foyer verkauften, stellt sich die Frage, ob nicht eine mutigere Lösung möglich gewesen wäre? Und ob es gerade in der neueren Musik nicht wenigstens ein Stück gegeben hätte, mit dem Dirigent und Orchester ihre Fähigkeit zu spontaner Kommunikation offensiver hätten unter Beweis stellen können. Carsten Niemann

POP

Beobachtet von den Alten:

La Roux im Astra

In wie vielen Karaoke-Anlagen zwischen Taipeh und Berlin-Mitte mögen wohl schon La-Roux-Songs eingespeist sein? Wie partytauglich diese 80er-Elektropop-Nummern sind! Nach zwei Liedern hat die vierköpfige Tourband das Astra so weit angeheizt, dass die Single „Quicksand“ einschlägt wie eine explodierende Geburtstagstorte. Wäre Sängerin Elly Jackson ein Star gewesen, als sie geboren wurde, also vor gut 20 Jahren, böten sich heute La-Roux-Lookalike-Contests an, bei denen Jungs wie Mädchen ihre Haare zu roten Tollen auftürmten und kräftig an der Helium-Maschine zögen, um ihren Stimmen jene bemerkenswerte flummihafte Losgelöstheit zu verleihen. So muss die Sängerin sich vorerst selbst spielen. Sie tut es stilsicher in androgynem Rockabilly-Dress mit mächtig Kajal unter den Augen. Wo man auf der Platte noch Computereffekte vermutete, verblüfft sie live mit echter Gesangsakrobatik. Fehlt eigentlich nur der starke Counterpart, den die murmelnde Keyboarderin nicht bietet. Manche Background-Vocals kommen schlicht von der Festplatte, wie die Beats, die William Bowerman an den E-Drums ergänzt. Geschickt zapft Jackson, die ihre Sozialisation auf illegalen Raves erlebte, die Dramaturgie einer Clubnacht an, zelebriert die Breaks und lässt zur Zugabe „Bulletproof“ den Technobeat wummern. Das packt nicht nur die überwiegend weiblichen, jungen Fans: In den hinteren Reihen wurden, ausgelassen feiernd, die Pet Shop Boys gesichtet. Runde Sache. Kolja Reichert

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