Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Jörg W,erD

POP

Für immer jung:

Bombay Bicycle Club im Lido

„Schade, dass die keine Mädchen dabei haben“, seufzt ein jugendlicher Fan nach dem Auftritt von Bombay Bicycle Club. Des einen Leid, der anderen Freud: Am umlagerten Merchandising-Stand recken vor allem weibliche Konzertgäste dem süßen Sänger und Mädchenschwarm Jack Steadman Unterarme, gepiercte Bäuche und T-Shirts entgegen, auf dass er mit dickem Filzstift seinen Krakel draufsetze.

Aus der Zusammensetzung des Publikums zu schließen, Bombay Bicycle Club seien eine Teenieband, wäre verfehlt. Eher spiegelt ihr Karriereverlauf aktuelle Tendenzen im Pop-Geschäft: Fast ohne Radio-Airplay oder nennenswerte Plattenverkäufe konnten die Londoner eine beachtliche Fanbasis aufbauen. Dank der Multiplikationskraft der vorwiegend von jungen Akteuren genutzten Netzwerke wird aus der virtuellen Gemeinschaft eine reale: Das Lido ist krachend voll, die Songs des Debütalbums „I had the Blues but I shook them loose“ sind bestens bekannt und werden enthusiastisch bejubelt. Die fünf Musiker, selber kaum dem Teenageralter entwachsen, beweisen in der Umsetzung ihrer ausgeklügelten, virtuos mit Versatzstücken und Zitaten aus drei Jahrzehnten Indierock jonglierenden Mikrohymnen zugleich den Sturm und Drang der Jugend und eine beeindruckende Reife. Das macht sie für eine aufregende Stunde zur besten Britpop-Band weit und breit.Jörg Wunder

KLASSIK

Im goldenen Käfig:

Marek Janowski im Konzerthaus

Marek Janowski und sein Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin haben sich den Ruf erspielt, ernsthafte Arbeiter im Weinberg der Klassik zu sein. Wenn sie zu einem Brahms-Doppel laden, ist das Konzerthaus flugs ausverkauft. Ein Kassenerfolg, der nichts mit leichtgewichtiger Programmplanung zu tun hat, im Gegenteil. Violinkonzert und erste Sinfonie sind verdichtete Klangmaterie, die ihre Zuhörer herausfordert. Es steckt ein Stachel in Brahms, der hinter allem Ringen um Einfriedung lauert. Eine nur unter Mühen verflüssigte Sinnlichkeit, ein furchtbarer Trotz, ein Schwindelgefühl vor dem Abgrund. Wer Brahms als Klassiker interpretiert, tut ihm zur Hälfte unrecht.

Janowski weiß um diesen Zweispalt – und auch, wohin ihn sein künstlerisches Temperament zieht. Die Stürme, die durch seinen Brahms ziehen, kann man auch in der Gemäldegalerie bewundern. Janowskis Klangbild ist schwer, und diese Schwere nimmt durch dichtesten Farbauftrag beständig zu, während die emotionale Dynamik gedeckelt bleibt. Damit gerät auch Viviane Hagner beim Violinkonzert unter Druck. Bisweilen ist sie aus reiner Selbstbehauptung so sehr mit raumgreifendem und betont harschem Geigenton beschäftigt, dass eine autonome Klangsinnlichkeit verborgen bleibt. Beim Finale der ersten Sinfonie animiert Janowski seine hingebungsvollen Musiker zu einem Furor, der mehr der Form als dem Feuer dahinter huldigt. Und es wird groß, was tief sein könnte. Brahms im goldenen Klassikerkäfig. Ulrich Amling

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