Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

von

KLASSIK

Danse macabre: Mahlers Siebte

mit Metzmacher und dem DSO

Metzmachers Mahler: vibrierende Unruhe, eine roh gezimmerte Siebte Sinfonie, weniger Trauermusik (das Motto des Abends in der Philharmonie) als gewaltiges spielfilmlanges Gefühlschaos, eine zerklüftete Seelenlandschaft voller aufbegehrender, herumirrender, hoffnungslos nach Orientierung suchender Charaktere. Zum Auftakt hatte das Deutsche Symphonie Orchester unter seinem Chef Ingo Metzmacher in Karl Amadeus Hartmanns „Concerto funebre“ aus dem Kriegsjahr 1939 die Angst in Szene gesetzt: schockhaft flaches Vibrato, schleppende Punktierte als Ausdruck der Lähmung. SoloGeiger Leonidas Kavakos hatte auf diesem stillen Grunde einer rasenden Verzweiflung Ausdruck verliehen. Hartmanns tschechische, jüdische und revolutionäre Gesänge, eingeengt zwischen kreiselnder Motivik, energischen Tonrepetitionen und dahinjagenden Skalen, bis zum finalen gefrorenen Schrei.

Mahlers Siebte entstand 35 Jahre früher, dennoch setzt sein sinfonisches Ungetüm Hartmanns Erosionswerk gleichsam fort, steigert ihn zum Krieg der Idiome: Walzer und Marsch, Kantilene und Pastorale, Volkslied, Lamento, Großstadt, Oper, Kriegstrommel, Almwiese, Gespenstermusik. Metzmacher am Pult macht keinen Hehl daraus, dass all das nicht zusammenpassen will, türmt übereinander, kittet die Fugen nicht, riskiert jähe Brüche, Stufendynamik, auch rhythmische Unstimmigkeiten. Ein Danse macabre der irdischen Art, mit gelegentlichen Kieksern und Koordinationsschwankungen – egal. Ein Alptraum am helllichten Tag, mit weit aufgerissenen Augen. Bravi am Ende.Christiane Peitz

KLASSIK

Schlummertrunk: Daniel Barenboim mit Chopin in der Philharmonie

Sonntagnachmittag, die Philharmonie ist ausverkauft, Daniel Barenboim gibt das letzte Konzert seiner Chopin-Reihe, mit der er seit Februar durch Europa tourt. Er ist schon bei der dritten Zugabe, das Publikum jubelt immer noch, steht sogar auf. Die Begeisterung ist nachvollziehbar, denn Barenboim kommt in seinem Spiel unglaublich nah an das romantische Idealbild, das man sich von Chopin macht: Verzärtelt, ephebisch, flüchtig, ein Wesen, das in der Musik verschwindet. Gleich einem Selbstgespräch in der Nacht gerät schon das Nocturne zu Beginn. Am eindrücklichsten jedoch gelingt das Largo der h-Moll-Sonate, das zum emotionalen Zentrum des Konzerts wird. Zögerlich, tastend setzt Barenboim die Töne, staunend wie ein Kind am Morgen, das sich streckt, erste Blicke in den Raum wirft, und dann in den Schlummer zurücksinkt.

Auch die Ballade Nr. 1 g-Moll ist voll des Staunens. Immer dann, wenn Barenboim die Dynamik zurücknimmt, die leise Spannung aber beibehält, ist er ganz bei sich – oder bei Chopin. Natürlich packt er auch fest und entschlossen zu, wie im abschließenden Scherzo Nr. 3, aber eine Attacke wird es nicht, es bleibt immer kontrolliert – und damit auch traditionell. Das Publikum liebt ihn dafür, und dass er für eine vierte Zugabe aufs Podium zurückkehrt, versteht sich fast von selbst. Udo Badelt

ENTERTAINMENT

Quartett kokett: Salut Salon

im Tipi am Kanzleramt

Sie sehen aus wie Frauen, die Prosecco trinken: Schwarze Kleidchen, strassglitzernde High-Heels, adrette Frisuren. Doch die vier jungen Damen aus Hamburg können mehr als Smalltalk. Als kleinste Damenkapelle der Welt stehen sie auf der Bühne im Tipi am Kanzleramt, zwei Geigen, Cello, Klavier, und tingeltangeln sich durch die Musikgeschichte. Am Anfang von „Salut Salon“ stand ein privater Musizierzirkel, bei dem alle Genres und Stile wild durcheinandergespielt wurden. Irgendwann beschlossen die Freundinnen dann, den Beweis anzutreten, dass es tatsächlich so etwas wie intelligentes Cross-Over zwischen E- und U-Musik gibt. Dass sie dabei blendend aussehen, ist nur ein Nebeneffekt: Denn die Musik bleibt Mittelpunkt des heiteren Abends. Wenn Angelika Bachmann, Iris Siegfried, Anne-Monika von Twardowski und Sonja Lena Schmid Brahms mit 007- Soundtracks kreuzen, Mozart verjazzen oder Mussorgskis „Tanz der Küken in ihren Eierschalen“ witzig neu arrangieren, dann hat auch der Klassik-Kenner echten Spaß. Weil die Ladies ihre Instrumente beherrschen, weil sie Charisma haben, weil sie selbst einen so abgegriffenen Kanon wie „Bruder Jakob“ virtuos durch die Stil-Zeitmaschine jagen können. Charmant streuen sie männerfeindliche Chansons, viersprachige Liebeserklärungen an die Musik, Zickenkrieg-Spielchen und Slapstick-Nummern ein – ja, es gelingt ihnen sogar das Kunststück, die ausgelassene Stimmung im Zelt immer wieder auf stille, intensive Momente zu fokussieren. Darauf einen Prosecco! (noch bis zum 14. März) Frederik Hanssen

KUNST

Ja, Ja. Nein, nein: Karolin Meunier

im Neuen Berliner Kunstverein

„Yes. Yes I do. Maybe. I don’t know. Not for me. No.“ Die dunkelhaarige Frau sagt eine Menge, aber was sagt das Gesagte über sie? „Timing and Consistency“ heißt Karolin Meuniers Videoarbeit, eine Zweikanalinstallation, die den Auftakt zur fünfteiligen Ausstellungsreihe „Gruppenbild“ im Neuen Berliner Kunstverein macht (Chausseestraße 128/129, bis 26. März). Darin werden Szenen nicht näher definierter Gesprächssituationen auf beide Seiten einer Wand projiziert. Hüben hat sie Verhörcharakter, drüben erinnert sie eher an eine Handlungsanweisung. Erstens: Gesprächspausen sind gezielt einzusetzen. Zweitens: Auf Mimik und Körpersprache ist zu achten. Drittens: Ein nach vorn gerichteter Blick vermittelt Selbstsicherheit.

Seit Jahren untersucht die in London lebende Meunier Methoden des Sprechens und Mitteilens. Unter reduziertem Einsatz von Kameratechnik und Perspektivwechseln knüpft sie an die Arbeitsweisen früher konzeptueller Performancekunst an, hinterfragt siebeneinhalb Minuten lang Gebrauch und Aussagekraft alltäglicher Konversationsfragmente. Meuniers englischsprachige Monologe lassen viel Raum für Reflektion - über die Möglichkeiten und Grenzen von Selbstmarketing und Selbstauskunft. Maris Hubschmid

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