Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

von

KLASSIK

Dichterliebe: Mariss Jansons

bei den Berliner Philharmonikern

Ein unvergleichliches Konzert. Es sind die schöpferischen Gaben des Dirigenten Mariss Jansons, die diese überragende Aufführung des Requiems von Verdi prägen. Dazu in der dreimal ausverkauften Philharmonie der Chor des Bayerischen Rundfunks, der aus lauter Überfliegern besteht, ob es um unerhört durchleuchtetes Pianissimo geht oder Klangballungen. Als Chef des BR-Symphonieorchesters steht Jansons auch dem Chor des Bayerischen Rundfunks vor. Nicht zuletzt musizieren die Berliner Philharmoniker so, als wollten sie erneut beweisen, warum sie diesen Dirigenten mit ihrer Hans-von-Bülow-Medaille ausgezeichnet haben.

Schon das seidige Piano der Streicher, die leise, deutliche Präsenz der Chorstimmen „Requiem aeternam“ klingen am Beginn geradezu experimentell. Mit vollendeter Kontrolle dann die Orchesterschläge und Schreie des „Dies irae“. Irrelevant wird auch die Ansicht, das Werk tendiere mehr zum Theater als zur Kirche. Abgesehen davon, dass dieses Verdikt eine höhere Meinung von der Religion als vom Theater voraussetzt, sagt die Aufführung mehr denn je, dass es sich hier in erster Linie um eine ganz persönliche Äußerung Verdis handelt. Wir hören seinen Totengesang für den italienischen Dichter Alessandro Manzoni, den der Opernkomponist abgöttisch verehrt hat. Dass Jansons ein Soloquartett zur Seite hat, das insgesamt bei den Philharmonikern debütiert und miteinander harmoniert, gehört zu den Wundern des Abends: Krassimira Stoyanova mit unglaublicher Höhe und Marina Prudenskaja, eine Szenenbeherrscherin, intonieren a cappella partnerschaftlich das „Agnus Dei“. Der helle Tenor von David Lomeli, der eher lyrische Bass von Stephen Milling stärken ebenso das Ensemble.

Vortragskultur, die mitfühlendes Interesse provoziert, Erschütterung, Gänsehaut: Die Bitte „Libera me“ wirkt hier so unmittelbar, als sei das Lateinische eine lebendige Sprache. Sybill Mahlke

POP

Retrofuturistisches Labyrinth: Yeasayer im Postbahnhof

Kurz vor halb elf: Trockeneisnebel wabert über den Köpfen, das Baile-Funk-Geschepper vom DJ-Pult gibt Ruhe, da kommen endlich die Helden des Abends: Yeasayer aus Brooklyn. Vor kurzem haben sie ihr zweites Album rausgebracht,dessen radikaler Stilwechsel viele ihrer alten Fans vor den Kopf gestoßen hat. Das scheint ihrer Beliebtheit keinen Abbruch zu tun, der Postbahnhof ist fast ausverkauft.

Sänger Chris Keating hat sich mit dunklem Anzug in Schale geworfen, Bassist Ira Wolf Tuton trägt sein obligatorisches Muskel-Shirt und Gitarrist Anand Wilder einen bizarr hässlichen Overall, der aussieht, als hätte er ihn aus einem 20 Jahre alten Armeeschlafsack geschneidert. Der fantastische Drummer Luke Fasano ist nicht mehr dabei, sein mit Geißenpeter-Hütchen und Fusselbart eher hinterwäldlerisch aussehender Nachfolger Jason Trammell kann ihn trotz perkussiver Unterstützung des umtriebigen Keyboarders Ahmed Gallab nicht adäquat ersetzen. Macht alles nichts, denn die neueste Häutung des Yeasayer-Sounds hat statt polyrhythmischer Verwickeltheit eine radikale Electropop-Variante zu bieten, die sie zu ernsthaften Konkurrenten von MGMT oder LCD Soundsystem machen könnte. Natürlich mit ganz anderen Mitteln. Denn die labyrinthisch verschachtelten Gesangsspuren, die sich wie DNS-Stränge umeinanderwickelnden Gitarren- und Bassläufe, das multiperspektivische Synthie-Sperrfeuer fügen sich zu retrofuturistischen Krachern wie „Love Me Girl“, „Ambling Alp“ oder dem fantastischen Disco-Hit „O.N.E.“. Dazwischen streuen Yeasayer die weltumarmenden Hymnen ihres Debütalbums, in beherzt umarrangierten, teils nur an den signifikanten Gesangssätzen erkennbaren Versionen: „Wait For The Summer“, „2080“ und die Zugabe „Sunrise“ bleiben Songs für die Ewigkeit, aber für Yeasayer scheinen sie schon in einer fernen Vergangenheit zu liegen. Von dieser Band ist noch einiges zu erwarten. Jörg Wunder

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