Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

KLASSIK

Dramatik: Donald Runnicles in der Deutschen Oper

Unter ihrem neuen Generalmusikdirektor Donald Runnicles spielen die Musiker der Deutschen Oper wie um ihr Leben. Und die Dramatik des 2. „Parsifal“-Aufzugs lässt kaum Wünsche offen, es sei denn nach dynamischer Zurückhaltung. Es gibt sie ausnahmsweise etwa bei der wehmütigen Stelle um Herzeleides Tod. Dennoch belebt gerade diese Aufführung die Erinnerung an Wagners Wunsch, sein Bühnenweihfestspiel Bayreuth vorzubehalten. Das meint nicht den ideologischen Anspruch, sondern den klanglichen, seine Sehnsucht nach dem unsichtbaren Orchester im Theater der Zukunft. Vor der hölzernen „Konzertmuschel“ auf der Bühne hat das Orchester weit bessere Chancen als die Sänger. Schlüsselszene zwischen Kundry, dem „verführerischen Weibe“, und Parsifal, dessen Mitleid sich ihr verweigert: Das ist der philosophisch denkbar komplizierteste Erlösungsdialog. Ein nicht nur akustisches Problem, wenn kaum ein Wort zu verstehen ist! Neben Christopher Ventris, dem blassen Parsifal, zeigt Ildikó Komlósi opulentes Dekolleté als Blickfang einer „Höllenrose“ und fundierte Spitzentöne. Zuvor hadert sie mit ihrem „Meister“ in Klingsors Zauberschloss, dem schurkisch röhrenden Samuel Youn. Den Blumenmädchen bleibt statt ihres arabischen Paradieses nur oratorische Erotik. Freuen wir uns auf den szenischen „Ring“ unter Runnicles! Sybill Mahlke

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Transparenz: Michael Gielen mit dem Konzerthausorchester

Passt dieses hochromantische Programm überhaupt zu Michael Gielen? Der Altmeister einer Dirigierkunst der Unbestechlichkeit wird vor allem für sein rückhaltloses Eintreten für die Moderne und ihre geradezu aufklärerisch-analytische Wiedergabe gerühmt. Doch am Pult des Konzerthausorchesters Berlin wandelt sich die Rationalität, mit der er Partituren von Schumann, Tschaikowsky und Mahler durchforstet, in glühendes Gefühl. Lord Byrons Held „Manfred“, der als weltschmerzlicher Rebell den denkbar größten Gegensatz zum Dirigenten verkörpert, steht hier im Mittelpunkt. Tschaikowskys „Manfred“-Sinfonie ist wohl selten mit so unerbittlicher Klarheit erklungen. Schon die das melancholische Hauptthema unterminierenden Akkordschläge führen geradewegs in den Abgrund zerklüfteter Seelen und Landschaften. Was dann mit wuchtigen Paukenwirbeln und Beckenschlägen zu toben beginnt, ist immer auch atemverschlagende Virtuosität, transparent in jedem Detail. Auch die lyrischen Partien, von seidigem Streichersound und süßen Holzbläsern getragen, zeigen das Orchester in Bestform. Gielen ist kein „Klangzauberer“, doch seine Fähigkeit, „alles hörbar zu machen“, gibt auch Schumanns „Manfred“-Ouvertüre ungeahnte Farbigkeit. In Mahlers „Kindertotenliedern“, als Ruhepunkt zwischen den „Manfred“-Dramen, versucht Bariton Hanno Müller-Brachmann allzu kunstfertig, gegen die instrumentale Beredsamkeit anzusingen und findet erst „schön auf jenen Höh’n“ zu natürlichem Ausdruck.Isabel Herzfeld

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