Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

KLASSIK

Etta Hilsberg und Camerata Vocale spielen Bach im Kammermusiksaal

Eine Rüge sollten Zuhörer bekommen, die nach Bachs Matthäus-Passion sofort die Friedfertigkeit der letzten Verse „Ruhe sanfte, sanfte ruh!“ brechen und applaudierend nach vorn drängeln. Einerseits verständlich. Drei Stunden Passionsmusik sind nichts für Ungeduldige. Andererseits hat die Aufführung unter Etta Hilsberg verdient, dass sie nachwirken darf. Solide, belebt, innig gerade in den tänzerischen Sätzen musiziert Hilsberg mit ihrer Camerata Vocale, dem Deutschen Kammerorchester Berlin und Andreas Lisius (Continuo), einer Solistenriege schließlich mit Sebastian Bluth (Christus) und Clemens C. Löschmann an der Spitze, dieser mit schön prononcierendem Bass, jener mit dem artifiziellen Leuchten des guten Evangelisten. Esther Hilsberg singt einfühlsam die Sopranpartien, Bettina Ranch (Alt) stellt ein stark veredeltes Timbre aus, und Jens Hamanns (Bassarien, Pilatus) Stimme könnte angemessener, oratorischer kaum tönen. Von rechts sekundiert der Cantus Firmus Projektchor, aus der Camerata selbst aber sind die Mini-Solo-Partien zu vernehmen, mit denen Zeugen, Mägde oder Jünger zu Wort kommen. Groß ist die Leistung des Gesamtchores; nicht nur konditionell, auch musikalisch stellt Bachs Passion immense Anforderungen. Dass die Liebe zum Detail den großen Bogen mitunter zum Kleinklein zerschießt, die Laiensoli die Spannung bröckeln lassen, sind nur winzige Eintrübungen an einem Abend, der an Charisma den vollprofessionellen Aufführungen nicht nachsteht. Christiane Tewinkel

TANZ

Constanza Macras choreografiert

im HAU Strawinskys „Oedipus Rex“ Zuerst räuspert sich nur der Sprecher, dann fällt der ganze Chor ein. Im alten Theben wütet die Pest, hier auf der Bühne des Hebbel-Theaters simulieren die Sänger und Tänzer einen Bronchialkatarrh. Es ist noch keine Note von Strawinskys „Oedipus Rex“ gespielt worden, da wird dem Mythos schon was gehustet. Die Choreografin Constanza Macras misstraut in ihrer ersten Operninszenierung der Statuarik des Opern-Oratoriums, das der russische Komponist mit dem Dichter Jean Cocteau geschrieben hat. Sie schickt ein Tänzer-Geschwader in Camouflage-Jacken in die choreografische Kampfzone, im Einsatz gegen die jungen Männer des Dresdner Kammerchors (Leitung: Max Renne). Sie rennen, springen, fallen und rücken sich zu Leibe – es gibt Gruppenattacken, erotische Zweikämpfe, aggressive Dreier. Mit wuchtigen Rhythmen treibt die Junge Philharmonie Brandenburg das Geschehen an, doch ein Zusammenspiel von Sängern und Tänzern kommt kaum zustande. Ödipus wird seinen Vater töten und mit seiner Mutter Inzest begehen – über den Köpfen der Akteure schwebt freilich nicht das Verhängnis, sondern das Bühnenbild von Chiharu Shiota. Stühle, Schränke – ein ganzer Hausstand hängt da an Seilen. Doch so sehr die Tänzer sich verausgaben – mit der Idee des Tragischen kommen sie nicht in Berührung. Am Ende senken sich alle klobigen Möbel auf die Bühne herab – und Ödipus hockt im Trödelladen fest (heute und morgen, 19 Uhr 30, HAU 1).Sandra Luzina

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