Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

KLASSIK

Berliner Charme: Kammerorchester CPE Bach im Konzerthaus

Was für ein Zusammenklang! Das Kammerorchester Carl Philipp Emanuel Bach klingt vom ersten Takt an wie ein verschworenes Kollektiv, obwohl man nur nebenbei miteinander musiziert. Oder gerade deshalb. Seit 40 Jahren kommen Musiker der (Ost-)Berliner Profiorchester zum Spiel im kleinen Ensemble zusammen, seit 1980 unter Hartmut Haenchen. Der hat einen entspannten, kontrastreichen Umgang mit der historisch informierten Aufführungspraxis gefunden. Die Musiker stehen – und jede Phrase sitzt. Davon hat vor allem das vorklassische Repertoire rund um den Namenspatron des Kammerorchesters profitiert. Doch Haenchen und seine Musiker streben stets zu neuen Ufern und widmen sich im Konzerthaus der deutschen Romantik.

Eine Portion Berliner Realismus bekommt Schumanns lange als leicht verschattet geltendem, aus Schizophrenie geborenem Violinkonzert gut. Solist Kolja Blacher schlägt passend einen gradlinigen, leicht aufgerauten Ton an. Nahrung für Großstadtromantiker, die säuselnden Idyllen misstrauen. Haenchen kennt alle Untiefen dieser Musik, versinken in ihnen will er nicht. So zeugt auch seine Lesart des „Siegfried-Idylls“ von den handfesten Zweifeln eines erfahrenen Wagner-Dirigenten. Der große Klangüberwältiger als Süßholzraspler? Das Kammerorchester Carl Philipp Emanuel Bach leistet zärtlich-knarzigen Widerstand. Und setzt sich mit Verve für den Mann ein, der die deutsche Oper romantisierte: Carl Maria von Weber und seine 1. Sinfonie. Ein effektvolles Spiel mit der Klassik – und dem Berliner Charme. Ulrich Amling

ROCK

Klänge aus dem All:

Megafaun im Café Zapata

Das Café Zapata ist nicht besonders gefüllt mit Menschen. Doch es füllt sich mit starken Klängen von Megafaun aus North Carolina: Vorne die Brüder Phil und Brad Cook, ein langer Dünner und ein langer Dicker, mit Brillen und Bärten. Hinten, mit Zottelhaaren, sägt Joe Westerlund mit einem Violin-Bogen Klangsplitter vom großen Ride-Becken seines kleinen Schlagzeugs, während Phil mit dem 5-String- Banjo und Brad mit der Guild-Akustikgitarre kalkulierte Kakophonie aufbauen. Rauschen, Quietschen, Fiepen. Bis daraus Wohlklang entsteht: zauberhafter Harmoniegesang. In „Kaufman’s Ballad“ besingen Megafaun den Roadie Phil Kaufman, der nach dem Tod des Musikers Gram Parsons dessen Leiche kidnappte und in der Wüste bei Joshua Tree verbrannte.

Plötzlich kracht ein Klanggewitter dazwischen. „We had no choice we had to try.“ Sie laufen durch die Reihen der Zuhörer, zurück nach oben, wechseln die Instrumente, jetzt eine Bassgitarre. Dann: Sprung an den Laptop, Knöpfe drehen, Tasten tasten. Feedback, weißer Lärm. Wieder klare Klänge, makellose Gesänge. So geht es hin und her. Freistil-Elemente, Bass-Soli, Balladen, Klänge wie aus dem All, gespenstische Sounds, traumhaft verdrehte Rhythmen und wieder Folk. Daraus entsteht bizarr schöne Musik, die sie mit so viel Leidenschaft interpretieren, dass das Publikum in tosenden Begeisterungstaumel ausbricht. H. P. Daniels

FILM

Einzug in Ägypten:

„Agora“ von Alejandro Amenábar

Alejandro Amenábars Film „Das Meer in mir“ (2004) über einen todessehnsüchtigen gelähmten Mann spielte fast komplett in einem einzigen Raum. Mit „Agora“ (in 11 Berliner Kinos) schießt er sich hinaus ins All und beobachtet die Erde als Teil des Sonnensystems, das im Jahr 391 n. Chr., in dem seine Geschichte angesiedelt ist, noch nicht entdeckt war. Dann geht die Kamera in den Sinkflug und landet in Alexandria. Die Metropole am Nildelta war damals die zweitgrößte Stadt des römischen Imperiums.

Auf dem Hügel steht das Museion, heidnischer Tempel und Bibliothek zugleich: Hier unterrichtet Hypatia (Rache Weisz), einzige Frau im Kreis der angesehenen Gelehrten ihrer Zeit. In der multikulturellen Metropole toben religiöse Auseinandersetzungen zwischen Heiden, Juden und Christen. Seit die römischen Besatzer die Verfolgung der Christen eingestellt haben, streben die militant-christlichen Parabolanos nach spiritueller und politischer Vorherrschaft. Als dieser Mob das Museion stürmt, kann Hypatia sich nur mit einigen Schriftrollen retten, bevor Tempelanlage und Bibliothek zerstört werden. Einige Jahre forscht sie unter dem Schutz des Präfekten Orestes (Oscar Isaac) weiter, aber dann kommt es zum offenen Machtkampf zwischen Kirche und Präfektur, zu Pogromen gegen die Juden und zur Hexenjagd auf die Wissenschaftlerin selbst.

Mit unübersehbaren Analogien zur politischen Aktualität inszeniert Amenábar seinen 50 Millionen Euro teuren Monumentalfilm, aus einer cineastisch weitgehend unerforschten, äußerst spannenden Epoche. Rachel Weisz ist hervorragend besetzt als sinnliches Epizentrum moralischer Vernunft in Zeiten radikalisierter Glaubenskriege. Der westlichen Zivilisation, die sich heute der muslimisch fundamentalistischen Bedrohung ausgesetzt sieht, zeigt „Agora“, dass das Christentum bei seiner Machtergreifung auch nicht eben zimperlich vorgegangen ist. Die Zerstörung der Bibliothek, damals der wichtigste Wissensspeicher der Antike, ist ein Akt martialer Symbolik, der die Entwicklung der Menschheit um Jahrhunderte zurückgeworfen hat. Amenábar inszeniert diese Massenszenen mit sicherer Hand und verzichtet zudem auf voyeuristischen Blutbadeffekte, wie sie etwa aus Ridley Scotts „Gladiator“ oder Oliver Stones „Alexander“ unerfreulich in Erinnerung sind.Martin Schwickert

KUNSTGESCHICHTE

Funde am Nil: „Der Archäologe Otto Rubensohn“ im Jüdischen Museum

In einer Vitrine liegt jenes Dokument, das Otto Rubensohn bis heute mit Berlin verbindet: „Instruktion für seine Thätigkeit in Aegypten zur Beschaffung von Papyri für die königlichen Museen in Berlin.“ Mit dieser Anleitung zog der Archäologe 1901 los. Sein Freund, Ludwig Borchardt, mag den Publikumsrenner Nofretete entdeckt haben, doch auch Rubensohn hat bedeutende Funde mitgebracht. Etwa die Papyri aus Elephantine, einer Insel im Nil. Sie belegen in aramäischer Sprache, dass dort einst eine jüdische Militärkolonie stationiert war. Die Schriftstücke sind nun in der Ausstellung „Heiligtümer, Papyri und geflügelte Göttinnen“ zu sehen, die das Jüdische Museum quasi als Nachhall zur Eröffnung des Neuen Museums dem Altertumsforscher widmet. Gezeigt werden antike Funde aus den Beständen der Berliner Museen, des Pelizaeus-Museums in Hildesheim, dessen Gründungsdirektor Rubensohn war, sowie dem Archäologischen Museum der Universität Münster, das seine Privatsammlung aufbewahrt (Lindenstraße 9–14, bis 15. 8., Mo 10–22 Uhr, Di–So 10–20 Uhr).

Rubensohns Notizbücher erlauben Einblick in sein akribisches Arbeiten, antike Schminktafeln und Kinderrasseln zeigen sein Faible für Kuriositäten. In den zwanziger Jahren war Rubensohn an Berliner Gymnasien als Lehrer angestellt. In der NS-Zeit wurde seine Forschung boykottiert, so dass er 1939 in die Schweiz flüchtete, wo er bis ins hohe Alter als Archäologe arbeitete. Zum 95. Geburtstag erhielt er das Bundesverdienstkreuz. Nach Berlin kehrte Rubensohn bis zu seinem Tod 1964 nicht zurück. Anna Pataczek

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