Kultur : KURZ  &  KRITISCH 

LITERATUR

Im blauen Dunst: Stuckrad-Barre und Ulmen lesen im Postbahnhof

Guter Stuckrad ist teuer: Stolze 19 Euro kostet der Eintritt, wenn der am drittbesten angezogene Mann des Landes („Vanity Fair“) im Postbahnhof sein neues Buch „Auch Deutsche unter den Opfern“ vorstellt. Dafür bekommt man Christian Ulmen gratis oben drauf. Gute Wahl: Denn Ulmen fungiert als Lockermacher für Benjamin von Stuckrad-Barre, dessen Grundunsicherheit immer wieder unterm coolen Size-Zero-Model-Look durchblitzt, wenn er zwanghaft häufig zum Wasserglas greift. Dabei sitzen doch nur Fans im Saal! Gemeinsam rauchen die Kumpels Kette, während sie essayistische Petit Fours aus Stuckrads Kolumnen-Kompilation zum Besten geben. Volksschauspieler Ulmen strahlt Entspanntheit aus und liest besser, der Autor selbst bleibt hart im Tonfall, streut so manchen aktuellen Seitenhieb ein. Das hebt die Stimmung. Stuckrads Beobachtungen sind tiefenscharfe Schnappschüsse aus dem Alltag der Eitelkeiten: Wie Westerwelle kleinlaut wird, wenn Peer Steinbrück ihm auf dem ZDF-Sommerfest dröhnend Urlaubslektüre-Tipps abverlangt, wie Society-Figaro Udo Walz seine Hochzeit vermarktet, wie sich Tom Cruise als Autogramm-Maschine über den roten Teppich arbeitet. Wenn Stuckrad-Barre dem Publikum als Höhepunkt der 90-Minuten-Performance schließlich Einblicke in seine private Kitschecke gewährt, wirkt dieser mit Zynismus gepanzerte Literatur-Lohengrin sogar richtig menschlich. Frederik Hanssen

ROCK

Im Wabern des Sounds: The Pink Floyd Show im Tempodrom

Gleichmäßiges Pochen im Tempodrom: Tock-Tock-Tock-Tock, ein übermäßig verstärkter Herzschlag, visualisiert von einer zuckenden Linie auf Großbildleinwand. Licht, Laser, wabernder Sound fluten den Saal: Schlagzeug, Bass, Keyboards, Gitarren – wiederholter Akkordwechsel von e-Moll zu A-Dur. Man könnte glauben, in einem Konzert von Pink Floyd zu sein. Da ist „Speak To Me/Breathe“ aus dem Album „The Dark Side Of The Moon“ von 1973. Doch das ist nicht Pink Floyd, sondern eine „Show“. The Australian Pink Floyd Show sind eine australische Gauklertruppe, die seit 1988 gealterten Fans einen Konzertersatz bietet für das nicht mehr existente Original. Hubschrauberrotoren knattern über die Köpfe, während Räderwerke und Uhren surrealistisch über die Leinwand rasen. Turmglocken schlagen, Wecker rasseln, und da ist der Song „Time“, mit drei zusätzlichen Backgroundsängerinnen. Spätestens hier zeigt sich, dass die australischen Nachahmer weit hinter dem Original zurückbleiben. Mögen die beiden Gitarristen zwar notengetreu alles nachspielen, Ton und Ausdruck von David Gilmour erreichen sie nicht. Auch gesanglich können sich die Stimmen nicht mit Gilmour und Roger Waters messen. Mögen die echten Pink Floyd in den Achtzigern langweilig geworden sein, so waren sie mit ihrem Space-Sound in den Sechzigern und ihrem experimentellen Umgang mit Soundeffekten in den Siebzigern doch bahnbrechend. Die australische Pink Floyd Show betreibt eine Entzauberung, indem sie ihre Songs ausdruckslos abspult. Wenn die Fans am Schluss auch alle zur begeisterten Ovation aufstehen – eine „Auferstehung“ Pink Floyds war es kaum. H.P. Daniels

THEATER

Im Konjunktiv: „Ich bin (nicht) dagewesen“ im Theaterdiscounter

Was wäre wenn ...? Wer hat sich diese Frage nicht schon gestellt und wieder fallengelassen? Peggy Mädler und Julia Schleipfer vom „Labor für kontrafaktisches Denken“ nehmen sie ernst, haben ganze Lebensläufe umgeschrieben. Entstanden ist eine Inszenierung, die sich nicht recht zwischen Ausstellung und Bühne entscheiden kann. In Zeiten, wo sich das Theater bei der Kunst bedient und umgekehrt die Kunst sich ihrer performativen Möglichkeiten erinnert, bildet „Ich bin (nicht) da gewesen“ die genaue Mitte ab. Der Zuschauer wandert im Theaterdiscounter (bis 21. 3., 23.-28. 3., 20 Uhr) zwischen verschiedenen Stationen, liest sich in fiktive Biografien ein, studiert dort eine Afrikakarte, bestaunt da einen Milchzahn. Es sind Beweisstücke neu gedachter Lebenspfade, die ab einem Punkt anders als im wahren Leben verliefen. Das mag komisch oder traurig sein: Beim einen bleibt die Mauer stehen und der solarbetriebene Trabbi avanciert zum Verkaufsschlager, beim anderen wird der Traum von der Flucht aus der heimatlichen Enge Altöttings wahr. Auch an den Besucher ergeht die Aufforderung, eine Reise durch den Konjunktiv anzutreten. Ein schönes Spiel, doch was sagt uns das? Bei den beiden Initiatorinnen, beide Mitte dreißig, wächst offenbar die Lust, das Leben noch einmal zu erfinden. Dies ließe sich auch für die BRD konstatieren, die sich im Jubiläumsjahr des Mauerfalls ebenfalls selbstkritisch fragte, wie es bislang gelaufen ist in den neuen Verhältnissen. Wer würde da nicht gern die Zeit zurückdrehen? Nicola Kuhn

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