Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

H. P. Daniels

ROCK

Der mit allem Möglichen tanzt:

Kevin Costner im Tempodrom

Das bestuhlte Tempodrom wirkt wie ein Lichtspielhaus, die Besucher sehen wie Kinopublikum aus, und auf der Leinwand flackern dann tatsächlich Filmschnipsel: immer wieder Kevin Costner. Als Wyatt Earp, als Actionheld, als Sportskanone, als Romantiker, als Liebhaber. Und natürlich als „Der mit dem Wolf tanzt“. Frauenschreie aus dem Auditorium. Und Scheinwerfer auf die Treppe, wo Costner jetzt zu Hollywoodmusik durch die Menge schreitet. Dankbar sei er seinen Fans, dass sie all die Jahre ins Kino gegangen seien, sagt er, als er es auf die Bühne geschafft hat. Doch heute sei das kein Kino, sondern Rock’n’Roll. Ob die Leute gekommen seien, um Rock’n’Roll zu hören? Er lacht, denn er weiß, dass möglicherweise niemand hier wäre, hätte er nicht 1990 mit dem Wolf getanzt. Jetzt tanzt er mit seiner Band Modern West: vier Gitarren und Geige, Bass und Schlagzeug. Er schraddelt auf einer Akustikgitarre und singt mit rauchiger Stimme von Flüssen und Highways, von Autos, Helden, Hoffnungen, Enttäuschungen und immer auch von der Liebe. Musikalisch beackert er wurzeliges Mellencamp/Hiatt/Springsteen- Land. Wobei die Songs der beiden Alben „Untold Truths“ und „Turn It On“, die hauptsächlich vom alten Bandkollegen John Coinman, teils auch gemeinsam mit Costner, geschrieben wurden, wenig mit Country-Musik zu tun haben. Es ist solider Mainstream-Rock, mit dem Costner und seine kompetente Band schließlich auch einen überwiegend mit Filmfans gefüllten Saal zum Tanzen, Singen und Rocken bringen. H. P. Daniels

KLASSIK

Endlos: András Schiff spielt Bach

im Kammermusiksaal

Am Anfang denkt man: Das pack ich nicht. Das wird zu viel des Guten. Diese Fülle, dieser Reichtum, diese Unerbittlichkeit gedanklicher Stringenz. Wenn András Schiff im Kammermusiksaal an seinem Steinway Platz nimmt, dem die italienischen Klaviermechaniker von Fabbrini besonders goldglänzende Obertöne angelegt haben, legt sich Ehrfurcht übers ausverkaufte Haus. Auch Alfred Brendel ist da, um seinen Kollegen beim Marathon durch die sechs Bach-Partiten zu erleben. Ein aberwitziges Programm: zweieinhalb Stunden Polyphonie pur, gekleidet in ein bewusst verknapptes Klangspektrum, ohne jeglichen Pedaleinsatz, ohne große Dynamiksprünge. Das stand Bach auf seinen Instrumenten ja schließlich auch nicht zur Verfügung. Mit Grenzen spielen kann nur, wer gedanklich frei ist – und Schiff, das spürt man, kennt seinen Bach so gut, dass er ihm keinerlei Bürde mehr ist. So wird das Konzert immer leichter, beschwingter, weil der Pianist in wunderbar anschwellender Spiellaune auch den Hintersinn, die Überraschung entdeckt. Und es entwickelt sich ein unmerkliches Schweben zwischen dem sternengleichen Glanz der Partiten und ihrem irdischen Widerschein. Schiff wandelt sanft lächelnd zwischen den Welten, lässt Akkorde gleißen, Rhythmen beißen. Man kann weit sehen an diesem Abend – und fasst es kaum. Ulrich Amling

KLASSIK

Machtvoll: Der Philharmonische Chor singt Bruckners f-Moll-Messe

Vollbesetztes Orchester mit Posaunen, darin zarte Violin- und Oboensoli, das leise Raunen des „Kyrie“-Beginns – aus seiner f-Moll-Messe grüßt der Symphoniker Anton Bruckner. Ob an den „Hintergrund himmlischen Thronens“ (so Ernst Bloch) noch geglaubt wird, wenn das Werk in der Philharmonie erklingt, spielt im Konzertleben die geringste Rolle. Wichtiger, dass diese liturgische Musik groß gedacht ist, breit und majestätisch, überdimensioniert, im Detail misterioso – wie das „Incarnatus“. Ganzer Bruckner, doch übertroffen von den Symphonien.

Die Aufführung, für die sich der traditionsreiche Philharmonische Chor, von der Verfertigung feiner Pressemappen an, viel vorgenommen hat, trifft diesen Ton mit heutigen unpathetischen Mitteln. Er knüpft an seine bald 130-jährige Vergangenheit an und ist doch dem Wandel untertan. Zum Glück: mit seinem Künstlerischen Leiter Jörg-Peter Weigle ein kultiviertes modernes Instrument. Bruckner bezieht das Solistenquartett (Caroline Melzer, Bogna Bartosz, Tomasz Zagorski, Hanno Müller-Brachmann) mit meist kurzer, expressiver Beteiligung ein, als bediene er sich der Register seiner Orgel. Sanfter Gesang der Streicher als Einführung zum „Benedictus“: Solche Höhepunkte gibt es immer wieder. Aber auch viel Materialverbrauch, wie Bruckner ihn eben liebt. Der Philharmonische Chor, dessen Geschichte durch Westberlin läuft, zusammen mit dem Konzerthausorchester unter dem ehemaligen Thomaner Weigle: Da ist eine neue Qualität zusammengewachsen. Sybill Mahlke

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