Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

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Schreck lass nach. Emma Thompson als Nanny McPhee. Foto: Universal Studios

KLASSIK

Ära der Farbe: Pierre Boulez mit der Staatskapelle in der Philharmonie

Wenn Pierre Boulez und Daniel Barenboim zusammen konzertieren, vereinigen sich französische clarté und romantisches Empfinden auf besondere Weise, die allein ihrer Freundschaft gehört. Arnold Schönbergs spätes Klavierkonzert ist dafür ein ideales Stück. Denn hier wird das Zwölftonsystem leichter genommen, um Höhen und Tiefen des Gefühls einzulassen – zugleich bewahrt es eine Aura von Brahms. Die solistische Eröffnung Barenboims gibt den Ton an, und die fabulöse Staatskapelle Berlin begleitet unter dem horchenden Dirigenten Boulez, der die Tuttistellen durchleuchtet und Debussy-nahe Klänge realisiert.

Nach dem 85. Geburtstag von Boulez gilt es hier und jetzt, ihn musikalisch zu feiern. Die gespannte Stimmung in der Philharmonie, den herzlichen Empfang erwidert er mit der vertrauten Korrektheit seines Auftretens. Es heißt, unverzüglich zur Sache zu kommen, zur Musik.

Das Programm hat Seltenheitswert, stellt es doch quasi ein Kompendium der Zweiten Wiener Schule dar. Der Abend beginnt mit der überaus koloristischen Passacaglia Opus 1 von Anton Webern, die ihre spätromantische Tradition nicht verleugnet. Und es zeigt sich dann, wie Schönbergs Klangfarbenmelodie weiterführt in neue Räume.

Zumal bei dem Komponisten Pierre Boulez selbst, dessen „Improvisation II sur Mallarmé“ mit der Zauberstimme Christine Schäfers erklingt. Klangstrukturen von Schlagzeug, Harfe, Vibraphon, Röhrenglocken, Klavier und Celesta werden dem Gedicht „Une dentelle s’abolit“ entsprechend entfaltet. Das geschieht bei Mallarmé wie in dem Meisterwerk von Boulez ohne sinnstiftende Bezüge der Gegenstände wie etwa im Schubert-Lied. Der Flügel dient als Resonanzraum, die Farbe lebt, bis zwei Maracasschläge die Geheimnishaftigkeit des komponierten Symbolismus abschließen. Boulez bekennt einmal, dass es zwei Autoren seien, die ihn in besonderem Maß beeinflusst und geprägt haben: Joyce und Mallarmé.

Folgt großes Orchester. Der Mahlersche Hammerschlag saust in den „Drei Orchesterstücken“ Opus 6 des Mahler-Verehrers Alban Berg hernieder, die Arnold Schönberg zum 40. Geburtstag gewidmet sind. Auch hier dirigiert Boulez Strukturen, Klangfarben bis zum Geräusch. Er ist der Interpret, der seine Gestaltung aus der Partitur zu erhören scheint.

Wie Farbe und Klangdimensionen in der Musik des 20. Jahrhunderts gleichberechtigt gedeihen neben den Kategorien Tonhöhe und Tondauer: eine lebendige Lektion à la Boulez. Sybill Mahlke

FILM

Chaos regiert: Emma Thompson

ist wieder „Eine zauberhafte Nanny“

Weit weg vom Weltgeschehen der 1940er Jahre, umgeben von tiefen Wäldern und weiten Feldern liegt die kleine Farm der Familie Green. Alles könnte so idyllisch sein! Nur leider, ach, ist der Mann im Krieg. Mama Green muss allein die Stellung halten. Fünf Kinder, ein Job im Tante-Emma-Laden und eine alte Farm – das hält die stärkste Frau nicht aus. Als die verzogenen Verwandten aus London – in Rüschenkleid und Tweedanzug – zu Besuch bleiben, eskaliert das Chaos. Landeier gegen Snobs heißt der Kinderkrieg, in dem jeder mal im Matsch landet.

Ein neuer Fall für Nanny McPhee. Die Titelheldin von „Eine zauberhafte Nanny – Knall auf Fall in ein neues Abenteuer“ (in 22 Berliner Kinos, OV im Cinestar Sony-Center) hat mit der charmanten Mary Poppins allerdings wenig gemeinsam. Ein schwarzer Rabe hockt auf ihrer Schulter, mit Warze, Knollennase und Hasenzahn jagt diese Nanny nicht nur Kindern Angst ein. Das Kindermädchen – brillant gespielt von Emma Thompson – erteilt den ungezogenen Kindern fünf Lektionen in sozialem Verhalten. Die erste Mission lautet: aufhören, sich zu bekämpfen. Dabei greift McPhee zu rabiaten Methoden. Was die kleinen Monster einander angetan haben, wendet sich nun gegen sie. Von einer unsichtbaren Macht gepackt, ohrfeigen die Kleinen sich selbst oder werden zu Boden geworfen.

Das Drehbuch, ebenfalls von Emma Thompson, spielt mit Ängsten vor unkontrollierbaren Kindern, wie sie auch Michael Winterhoff in seinem umstrittenen Bestseller „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“ verbreitet. Die Moral folgt dabei dem Prinzip „Auge um Auge, Zahn um Zahn“: Disziplin habe noch keinem Kind geschadet. Nur beiläufig erzählt Thompson, dass die Wut der Kinder auch auf den Mangel an Liebe und Aufmerksamkeit zurückzuführen sein könnte. Erst als die wilde Bande gezähmt ist,erlebt auch Nanny McPhee eine märchenhafte Wandlung. Aus der bösen wird eine coole, hilfsbereite Hexe, die aufs fliegende Motorrad steigt. So lebt Susanne Whites Film von Klamauk und entrückten Bilderwelten – und von den wunderbaren Schauspielern, die mit Verve über manche Schwäche hinwegtrösten. Nicole Köstler

KUNST

Zeigen und Verwirren: Vexierspiele im Kunstraum Kreuzberg

„Ich weiß, was du nicht siehst“ ist ein riskanter Titel für eine Ausstellung. Passt er doch zu so gut wie jeder Kunst, denn sie ist immer ein Spiel mit der Wahrnehmung, ist immer Dialog, nie eindeutig. Das Kuratorenteam von Capri Berlin und Thore Krietemeyer musste für den Kunstraum Kreuzberg also besonders trennscharfe Positionen finden (Mariannenplatz 2, bis 9. Mai, tägl. 12 - 19 Uhr).

Was nicht immer gelungen ist. Ben Cottrell oder Anna Gollwitzer wollen mit alltäglichen Fundstücken und Baumaterialien Assoziationen auslösen, allerdings wirken ihre Objekte beliebig. Andere Arbeiten der 21 präsentierten Künstler halten dagegen tatsächlich Überraschungen bereit. So spielt Corinna Schnitt in ihren Videos mit Kamerafahrten, manipuliert den Blick. Ein Dreimaster wird, als sich der Ausschnitt weitet, zu einem Spielzeugschiff, ein Stillleben zu einem Frühstückstisch in einer modernen Stadtarchitektur. Auch Iris Kettner lässt den Betrachter auflaufen, dreht ihm den Rücken kleiner Kapuzenmännchen zu. Sie schockieren, wenn man sie von vorne sieht, quellen aus ihnen doch schwarze Tentakel hervor. Im langen Gang des Kunstraums wiederum schlängelt sich eine Gedankenkette, von Romulus und Remus über Bruderzwist über Aldi über Dosenbier und WM 2010. Eine Assoziationsanleitung bräuchte wohl auch jene Besucherin der Künstlerkolonie Worpswede, die Gert Bendel vorführt. In dem vor ihren Augen entstehenden Bild erkennt sie menschliche Gestalten. Nein, antwortet der Maler, „das sind Bäume“. Anna Pataczek

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