Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

KUNST

Zu sensibel: Das Verborgene Museum erinnert an Tatjana Barbakoff

Das Ende trifft unvermittelt. Da wird man erst von Lithografien, Fotos und Zeichnungen einer strahlenden Frau empfangen. Alles ist elegant an ihr, die geneigte Kopfhaltung, die geschwungenen Augenbrauen, das strenge Haar. Alles ist so voller Leben an Tatjana Barbakoff, der Tänzerin. Im zweiten Raum dann liest man, noch ganz verzaubert, ihre Lebensgeschichte nach. Barbakoff, wegen ihrer jüdischen Herkunft in Frankreich untergetaucht, wird im Januar 1944 in Nizza von der Gestapo gefasst. Am 6. Februar vergast man sie in Auschwitz. Das Verborgene Museum, das tatsächlich versteckt in einem Hinterhof in Charlottenburg liegt, widmet sich den verschütteten Lebensgeschichten von Künstlerinnen und holt nun auch die Barbakoff aus der Vergessenheit (Schlüterstr. 70, bis 27. 6., Do –Fr 15 –19 Uhr, Sa/So 12 –16 Uhr). Wobei von den Besuchern Ausdauer verlangt wird beim Lesen der dicht beschriebenen Bildtafeln. Aber es lohnt sich. Die Tänzerin ist Teil der Goldenen Zwanziger in Berlin, hier feierte sie 1925 ihren Durchbruch. Der Expressionist Christian Rohlfs zeichnete sie, der Fotograf Willy Maywald, der auch Matisse und Miro ablichtete und für Dior arbeitete, porträtierte sie. Sie habe die Barbakoff lebhaft in Erinnerung behalten, erinnert sich eine von den Nazis Internierte, weil sie anders Frau war als die anderen Frauen im Lager. „ Sie war viel zu sensitiv.“ Anna Pataczek

KLASSIK

Zu groß: Das Quatuor Mosaïques  in der Philharmonie

Auf den Klang kommt es an: Davon sind die Verfechter der historisch orientieren Spielweise überzeugt,die das Musikleben mit Darmsaiten und Rundbögen revolutionierten. Aus dem engsten Kreis um Nicolaus Harnoncourt stammt das Quatuor Mosaïques: die Geiger Erich Höbarth und Andrea Bischoff, die Bratscherin Anita Mitterer und der Cellist Christophe Coin. Ihr Auftritt im Kammermusiksaal macht zunächst klar, welche Probleme ein moderner Saal dem Originalklang bereiten kann. Beethovens c-Moll-Quartett op. 18 Nr. 4 beginnt zwar in schöner Wärme, doch Farbigkeit will sich nicht einstellen. Vielmehr verliert sich die Intimität im weiten Rund, und die abschließenden Prestissimo-Figurationen wirken verwaschen.

Dass die Musik von Beethovens Zeitgenossen Alexandre Pierre François Boëly ein solches mit Binnenspannung zu belebendes Stimmgeflecht gar nicht erst aufweist, macht die Sache nicht besser. Denn sein biederes Streichquartett a-Moll op. 27 hätte zur Entfaltung seiner liedhaften Reize eines konsistenten Klanges bedurft. Es ist der Cellist, der die allgemeine Sprödigkeit immer wieder unterläuft, in klarer motivischer Gestaltung dem A-Dur Quartett op. 41 Nr 3 von Robert Schumann endlich erweckende Impulse gibt. Und so ist es ausgerechnet ein Werk der Romantik, das vom aufgerauten Klang profitiert, berührend in fragilen Adagio-Dialogen, aufregend in „assai agitato“ hochfahrenden Fugato-Abschnitten und dem gehetzt davonfliehenden Finale. Auf den Klang kommt es eben nicht (nur) an, sondern auf die geistig-emotionale Durchdringung der Musik. Isabel Herzfeld

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