Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

von

POP

Da ist noch Feuer: „Fehlfarben“

im Festsaal Kreuzberg

Zu den Anzügen mit Tapetenmustern, die die Fehlfarben auf dem Cover ihrer neuen Platte „Glücksmaschinen“ tragen, hat es nicht gereicht. Doch in ihren handbemalten Hemden sehen die Deutschpop-Veteranen aus Düsseldorf auch sehr schmuck aus, als sie im vollen Festsaal Kreuzberg antreten. Die aktuelle Besetzung ist eine der besten der über 30-jährigen, personell verzweigten Bandhistorie. Was vor allem am jüngsten Mitglied liegt: Schlagzeugerin Saskia von Klitzing mischt so viel Druck unter altbekannte und neue Gassenhauer wie „Wir warten“ oder die Berlin-Hommage „Stadt der 1000 Tränen“, dass den fünf älteren Herrschaften nichts übrig bleibt, als eines der tightesten Konzerte abzuliefern, die man je von der launischen Truppe erlebt hat. Uwe Jahnke lässt als Meister der Effektgeräte den Ausstieg des zweiten Gitarristen Thomas Schwebel vergessen. Aushilfsbassist Hans Maahn spielt kraftvoll federnd, die Keyboard-Urgesteine Kurt „Pyrolator“ Dahlke und Frank Fenstermacher verrichten unauffällig ihren Job. Was man auch von Peter Hein sagen könnte, denn bis auf kryptische Ansagen und ein paar Tanzschritte konzentriert er sich ganz auf seinen Gesang. Den allerdings moduliert er so frei, dass Klassiker wie „Ein Jahr (Es geht voran)“ und „Paul ist tot“ eher wie Coverversionen klingen. Nach zwei Stunden und drei Zugaben beschließt „Grauschleier“ einen Abend, der beweist, dass die Fehlfarben von ihrem alten Feuer nichts verloren haben. Jörg Wunder

KLASSIK

Hoher Gipfel: „Musical Olympus“

im Kammermusiksaal

Der Name stapelt nicht gerade tief: Das russische Festival „Musical Olympus“ lädt Preisträger internationaler Musikwettbewerbe nach St. Petersburg. Seit zwei Jahren veranstaltet das Festival auch Konzerte in Berlin. Im Kammermusiksaal pendelt Yulianna Avdeeva bei Chopins Klavierkonzert e-Moll zwischen entschlossenem Zupacken und Abgehobenheit. Während der Orchesterpassagen schimmern die Kräfte durch, die Dirigent Joshua Tang, Absolvent der Juilliard School, mit der Kammerphilharmonie St. Petersburg entfesseln kann. Die Perkussionistin Yi-Ping Yang irritiert mit einem eintönigen, rhythmisch undefinierten Stück für Trommel, beeindruckt aber durch den Einsatz ihrer Stimme beim Erforschen von Klangeffekten an den Pauken. Der Schweizer Philipp Hutter entlockt seinem Instrument im spätromantischen Trompetenkonzert f-Moll von Oskar Böhme einen samtenen, manchmal zu scharfen Klang und begeistert das Publikum mit einem Arrangement von Michael Jacksons „Heal The World“, bevor sich die Koreanerin Yun Jeong Lee an Arien wagt, die zu den gefürchtetsten der Opernliteratur gehören, darunter „Der Hölle Rachen“ aus der „Zauberflöte“. Ein Abend, der den Gipfel höchstens in Sichtweite bringt. Die Besteigung muss warten. Udo Badelt

KUNST

Rythmus im Raum: Rita Ernst

im Mies-van-der-Rohe-Haus

Ab Landsberger Allee werden die Menschen blasser und die Raucher zahlreicher. Fährt man mit der Straßenbahn zum Mies-van-der-Rohe-Haus in Weißensee, kann man beobachten, wie die Stadt ausfranst. Wie in luftdichten Blasen verkapselt sich Berlin hier in seiner Vergangenheit. Erst am Ziel kommt man wieder in der Gegenwart an. Die Villa Lemke wurde 1932 von Mies van der Rohe erbaut. „Refugium der Schönheit“ lautet das Motto in diesem Jahr. Für die erste Ausstellung hat die Schweizer Künstlerin Rita Ernst die Grundrisse von Mies van der Rohe bearbeitet (bis 27. 6. Oberseestr. 60 Di–So 11–17 Uhr). Eine malerische Coverversion der Architekturzeichnungen ist entstanden, eine Annäherung voller Respekt. Rita Ernst greift den Rhythmus von Mies’ Architektur auf, den Wechsel zwischen Masse und Leere, die Proportionen von Räumen und Wänden. Die Materialien übersetzt sie in Farben. Bronze für Ziegel, Silber für Aluminium, Weiß für Glas. Ein Fries mit vier Grundrissen der Villa Lemke hängt in der Halle. Die Neue Nationalgalerie ist streng in Schwarz und Weiß gehalten, der gläserne Barcelona-Pavillon in transparentem Weiß. Klarheit und Präzision der Entwürfe kommt in dieser Malerei zur Geltung. So wird die Reise durch die gestockte Zeit am Ziel mit Schönheit belohnt. Simone Reber

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