Kultur : KURZ  &  KRITISCH 

ROCK

Mathematisch: Foals im Columbia Club

Es bleibt eine der schwierigsten Aufgaben der Popmusik: Wie lässt man einem herausragenden Debütalbum ein Zweitwerk folgen, das nicht für Ernüchterung sorgt? Scharen von Bands sind daran gescheitert, sogar einige der besten des letzten Jahrzehnts: The Strokes, Franz Ferdinand oder die Arctic Monkeys. Auch über den Foals schwebt dieses Damoklesschwert. „Antidotes“, das 2008 erschienene Debüt des Quintetts aus Oxford, war der Inbegriff des „Math Rock“: hochkomplexe Songs, wie mit lasergesteuerten Präzisionswerkzeugen entworfen, dennoch tanzbar und eingängig.

Im Mai steht der Nachfolger an, vorab testen die Foals im ausverkauften Columbia Club die neuen Stücke. Die sind weniger catchy, deutlich langsamer, länger und noch verschachtelter. Keine euphorisierenden Refrains. Die Reaktion des Publikums bleibt verhalten, aber das war neulich bei MGMT genauso. Dafür kommen die Fans bei den bekannten Hits auf ihre Kosten. Auslöser massiver Bewegungsschübe ist die unglaubliche Gitarrenarbeit von Yannis Philippakis und Jimmy Smith. Mal greifen ihre artistisch gepickten Einzelnoten wie Zähne eines Reißverschlusses ineinander, dann umschwirren sie sich wie verfeindete Mückenschwärme, alles abgefedert von den Rhythmusmalochern Walter Gervers und Jack Bevan an Bass und Schlagzeug. Am Mikro hat sich Philippakis noch mehr zu einem Stimmdouble von Robert Smith entwickelt: Selbst die mahlenden Passagen der neuen Stücke klingen nach dem paranoiden Genöle des Cure-Sängers. Nach 80 Minuten, davon knapp die Hälfte mit unbekanntem Material bestritten, ist es für ein abschließendes Urteil noch zu früh. Auf jeden Fall verdienen die Foals Respekt dafür, dass sie nicht den bequemen Weg zum zweiten Album eingeschlagen haben. Jörg Wunder

KUNST

Magnetisch: Steinerne Fragmente im Bode-Museum

Der Riss ist hart. Verläuft mitten durch uralten Stein. Gibt Rätsel auf. Wer oder was hat den Marmorkasten zerstört? Der Mensch, das Wetter? Klar ist: Das Ding wiegt eine Menge, bei zwei Metern Länge und einem halben Meter Höhe. Klar ist auch: Das Ding ist ein Säulen-Sarkophag aus dem vierten Jahrhundert. Und war lange verschwunden. 1906 fand man ein Fragment im römischen Kunsthandel, 1963 ein anderes. Das erste ging nach Berlin, das zweite nach Bonn. Von da an dauerte es noch über 30 Jahre, bis festgestellt wurde, dass die Steinplatten zusammenpassen. Dass sie zusammengehören. Jetzt liegen sie nebeneinander im Bode-Museum, durch einen handbreiten Spalt getrennt („Zertrümmert und wieder zusammengesetzt“, Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst, bis 25.6., Mo–So 10–18, Do 10–22 Uhr).

Die Augen führen sie automatisch an- und wieder auseinander, wie Magnete. Sie saugen auf, was sie sehen. Da ist die verstorbene Inhaberin des Sarkophags auf dem Berliner Relief, die betend zwischen zwei Aposteln steht. Da ist ein jugendlicher Jesus auf der Bonner Steinplatte, wie er einer vor ihm knienden Frau die Hand auflegt, sie von ihrer Krankheit erlöst. In der Antike war es beliebt, Christus’ Wunder auf den Kästen darzustellen. Dann wollen die Augen mehr: das Geheimnis lösen. Die Teile sehen, die noch fehlen. Vielleicht findet sich ja noch eins. Annabelle Seubert

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