Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

KLASSIK

Hindernisritt: Eva Ollikainen und das DSO in der Philharmonie

In Finnland wissen sie, wie man Maestri macht. Wer an der Sibelius-Akademie bei Jorma Panula studiert hat, ist reif für eine internationale Karriere. Lediglich drei Minuten brauche er, um ein außergewöhnliches Talent zu entdecken, hat der berühmteste Dirigierlehrer der Welt, Jahrgang 1930, einmal verraten. Und dann geht die Arbeit richtig los. Auch Eva Ollikainen, 28, ist durch Panulas Taktgeberschmiede gegangen. Mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin tritt sie in der Nachwuchsreihe „Debüt im Deutschlandradio“ erstmals in Deutschland auf. Eine entschlossene Dirigentin, sportlich, klar, souverän. Ihre Aura ist so pragmatisch wie die einer Hindernisreiterin, der Taktstock wird in ihren Händen zu Zügeln. Das verträgt sich zunächst gut mit dem Programm des Abends, das in der Philharmonie Werke versammelt, die nach einem populären Musikidiom streben: Lutoslawskis volksmusikgesättigte „Mala suita“, Barbers zwischen Schlichtheit und Virtuosität pendelndes Violinkonzert, Jolivets beinahe improvisiertes Fagottkonzert und Bernsteins krachende Tänze aus der „West Side Story“. Ollikainen findet für alles das richtige Tempo und genießt den unbedingten Respekt der Musiker. Doch das Herz scheint gut geschützt, verborgen unter Agilität. Barbers Violinkonzert gerät so merkwürdig fahl, auch weil der junge Eugene Ugorski einen eher monochromen Geigenton pflegt. Das Wichtigste steht nicht in den Noten, sagt man. Es zu finden, dauert ein Leben lang. Ulrich Amling

LIEDERMACHER

Zaghaft mit Neuem:  Stephan Sulke bei den Wühlmäusen

„Mensch ging das aber schnell“, heißt Stephan Sulkes aktuelles Album. Das werden auch einige Besucher des zu drei Vierteln gefüllten Saals bei den Wühlmäusen gedacht haben, wo der 66-Jährige zuletzt vor sechs Jahren aufgetreten war. Wie damals beginnt der Sänger sein Programm a cappella mit „Lieber Gott, komm doch mal runter“, um dann nach ein paar autobiografischen Anekdoten am E-Piano sein Anti-Liebeslied „Du machst mir noch mein Herz kaputt“ anzustimmen. Eine Art deutschsprachige Fortsetzung von Gilbert O’Sullivans „Get Down“, die 1976 zum Flottesten gehörte, was auf bundesdeutschen Schlagersendern zu hören war. Seine Langzeitfans verdankt Sulke aber Brel- und Cohen-inspirierten Balladen wie „Lotte“ und „Ich hab dich bloß geliebt“. Letztere kündigt er mit einem Seitenhieb auf einen „grönemeyernden“ Interpreten an. Doch wenn Sulke heutzutage in die Kopfstimme geht, klingt dies ebenso gepresst. Dabei gewinnen die wenigsten Songs durch dergleichen Temperamentsausbrüche. Überzeugend dagegen der gelassene Erzählton, mit dem er bei „Komisch“ in souveräner Klavierkabarettistenart die Geschichte eines Gehörnten mimisch zum Besten gibt. Leider kommt der Flügel im Laufe des Abends viel zu selten zum Einsatz. Stattdessen überfrachtet der Alleinunterhalter seine gerade mal drei, vier neuen Stücke über schnorrende Ex-Schlipsträger und autarke Freiheitsliebende mit Synthie-Streichern und anderen Playbacksünden. Dank launiger Ansagen und interaktiver Angebote (beim Refrain von „Uschi“) scheint das geduzte Publikum aber über solch stilistische Befremdlichkeiten hinwegzuhören. Nach der zweiten Zugabe „Bist wunderbar“ gibt es Standing Ovations. Markus von Schwerin

KLASSIK-CD

Meisterhafte Rollenspiele:

Julia Fischer interpretiert Schubert

Nach ihrer letzten, seltsam glatten Einspielung der Bach-Violinkonzerte musste man schon befürchten, dass Julia Fischer beim neuen Label Decca auf die im Booklet zahlreich abgedruckten Hochglanzfotos größeren Wert legt als auf eine spannende Interpretation. Die gemeinsam mit dem Pianisten Martin Helmchen aufgenommene Schubert-CD (bei ihrem alten Label PentaTone) beweist nun, dass die Geigerin immer noch viel zu sagen hat. Schon der perfekte Unisono-Aufstieg zu Beginn der D-Dur-Violinsonate kündigt Großes an. Hier agieren zwei Kammermusiker auf Augenhöhe, die ständigen Rollenwechsel in der musikalischen Führung verlaufen ohne Brüche. Im Mollteil des Andante schlägt die Stimmung plötzlich ins Hochexpressive um. Die a-Moll-Sonate wird von den beiden zwischen traumverlorener Schönheit und tiefen Abgründen angesiedelt. Julia Fischer lässt ihre Geige singen, im Finale meißelt Martin Helmchen die Triolen mit unerbittlicher Härte. Georg Rudiger

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