Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Sybill MahlkeD

KLASSIK

Betörend sachlich:

Pierre Boulez in der Philharmonie

Wann Daniel Barenboim Klavier übt, ist sein Geheimnis. Denn die massierte Schwerarbeit, die er sich in den letzten Wochen als Dirigent auferlegt hat, lässt seine pianistische Form wie ein Wunder erscheinen: ob als Klavierpoet bei der „Winterreise“ der gerade verklungenen Festtage oder jetzt als Solist der „Interventions“ von Elliott Carter (noch einmal heute im Konzerthaus). Die deutsche Erstaufführung dieses von Barenboim initiierten Werkes, zu dessen Auftraggebern die Staatskapelle gehört, ist ein Gipfel der Berliner Aktivitäten zum 100. Geburtstag des amerikanischen Komponisten. Seltsam, dass die Musik, 2007 komponiert, nicht die Aura eines Alterswerkes hat. Es wird zupackend interveniert, Klavier gegen Orchester, mit kantig dissonantem Einzelton oder vollgriffig, eine besondere Art von Dazwischenfunken, Dichte gegen Geringstimmigkeit. Auch spielt der Meister wie ein Jongleur mit farbigen Kugeln.

Dann hebt, „heftig, aber markig“, mit hinreißend trockenem Ton, sforzato, rhythmusbetont, der Marsch durch die sechste Symphonie von Mahler an. Barenboims glanzvolle Staatskapelle gehört nun Pierre Boulez, und sie zeigt sich wieder in ihrer Bestform. Über die prophetischen Hintergründe der „Tragischen“, ihre Wildheit, Totenklage, ihr „Freudenlicht“ und die Hammerschläge des Schicksals sagt Alma Mahler: „Wir weinten damals beide.“ Boulez, der als Komponist zu den Erben dieser Musik zählt, dirigiert das Mammutopus gänzlich unpathetisch, mit betörender, vitaler Sachlichkeit, um es quasi über Donaueschingen hinaus ins 21. Jahrhundert zu holen. Es herrscht die reine Partitur, der Axthieb nicht als Theater, sondern als musikalisches Schwergewicht. Das Orchester gestattet jede Flexibilität. „Etwas schleppend“ die klangschöne Basstuba oder „vorwärts“ das Ganze gegen Ende des Finalsatzes: Boulez setzt vor allem um, was Mahler „unmerklich“ nennt. Und doch heißt das Wesen seiner grandiosen Interpretation: Unerbittlichkeit.Sybill Mahlke

POP

Oh-oh-oh-oh-oh:

Razorlight im Huxley’s

Auffallend junge Frauen drängen sich im Huxley’s, als es dunkel wird im Saal, auf der Bühne nur noch Verstärkerlämpchen glimmen und ein heimeliges Nachttischlicht neben dem Schlagzeug. Zack: Grelles Licht – Razorlight aus London. Rasantes Schrabbeln vom bebrillt-bemützten Gitarristen. Hüpfender Bass vom blondbärtigen Springinsfeld Carl Dalemo, knallendes Schlagzeug wie scharfe Peitschenhiebe. Und – „oh-oh-oh-oh-oh“ – schrille Gesangskiekser von Johnny Borell, der über die Bühne fegt: „Save the World“. Er hämmert kurze, scharfe Stakkato-Akkorde in eine dunkelrote Gretsch-Gitarre, gibt den krähenden Shouter à la Joe Strummer. Während die Generation Oasis mehr nach Beatles klang, eifern die meisten neueren Brit-Bands entweder Clash oder Jam nach. Hörte sich der näselnde Gesang von Borell auf den ersten beiden Alben noch nach Bob Geldof an, die ganze Band nach „Boomtown Rats“, so haben sich Razorlight mit ihrer dritten Platte „Slipaway Fires“ auf den Mainstream-Weg begeben.

Auf der Bühne kommen sie erfreulicherweise wieder wie eine rohe Garagenband daher, auch wenn die überdrehten Posen des Sängers manchmal künstlich einstudiert wirken. „In The Morning“, grober Rap’n’Roll, „Stumble And Fall“, Taumel unter Volldampf, „North London Trash“. Ein Song wird hinter den nächsten geknallt, nach vorne gehämmert. Ein bisschen altes „La Bamba“/“Gloria“-Gefühl. Gute Melodien, Kraft und Dynamik in den Hit-Singles „America“ und „Somewhere Else“. Die Songs vom lahmen dritten Album bekommen einen Kick. „60 Thompson“ zur Fingerpicking-Akustikgitarre erinnert an den guten, alten Donovan. Die Welt werden sie nicht retten, doch für einen unterhaltsamen Abend reichen Razorlight allemal. H. P. Daniels

KUNST

Die wilden Jahre:

Der Neue Berliner Kunstverein feiert

In keiner Berliner Institution haben sich künstlerische und gesellschaftliche Entwicklungen so unmittelbar niedergeschlagen wie in den beiden Kunstvereinen. Seit vierzig Jahre gibt es bereits das spannungsvolle Wechselspiel zwischen Kunst und Öffentlichkeit, das der Neue Berliner Kunstverein in seiner Jubiläumsausstellung präsentiert (bis 10.5., Chausseestr. 128/129, Di-So 12-18 Uhr, Do 12-20 Uhr). Roter Teppich und feine Tapete karikieren in einer Ecke die Tradition der bürgerlichen Kunstvereine, während gegenüber ein Modell von Olaf Metzels Einkaufswagen-Barrikade „13. 4. 1981“ grüßt. Beim „Skulpturenboulevard“ provozierte sie 1987 auf dem Kurfürstendamm noch hysterische Reaktionen.

Der Geist der wilden Jahre, als Kunst und Öffentlichkeit sich noch aneinander rieben, wird durch aufgetürmte Archiv-Papprollen beschworen, um die sich Schätze der Sammlung drapieren. In dieser zutiefst demokratischen, kunstvereinsgemäßen Hängung wird Peter Sorges Farbstift-Kiezporträt „Kreuzberg I“ und Akbar Behkalams biblisch anmutender Lithografie „Staatsgewalt“ von 1982 die gleiche Geltung zugestanden wie Roy Lichtensteins „Sunrise“ oder Richters „Mao“. Ihre je eigenen sinnlichen Qualitäten entfalten die Werke in einem solchen Rahmen kaum, vielmehr kommt ihnen Informationswert zu zwischen ausgebreitetem Archivmaterial und Hörstationen mit Zeitzeugenberichten.

Auf alten Katalogen sind Fernseher platziert, die Höhepunkte aus dem Videoforum zeigen, darunter Joseph Beuys, Rebecca Horn und Wolf Vostell, dem im Obergeschoss eine eigene kleine Retrospektive gewidmet ist. Mit aktuellen Arbeiten von UdK-Studenten weist die Ausstellung über die Vergangenheit hinaus. Die Fotos von Johannes Paul Raether zeigen den jungen Künstler und Freunde in melancholischen Posen vor dem schwindenden Palast der Republik. Linker Widerstand verbindet sich hier mit dem Geist der Romantik, der Blütezeit der ersten Kunstvereine. Kolja Reichert

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