Kultur : KURZ & KRITISCH

Christiane Tewinkel

KLASSIK

Scharf: Das DSO unter Ashkenazy in der Philharmonie

Mäßig besucht ist das Konzert des Deutschen Symphonie-Orchesters unter seinem ehemaligen Chefdirigenten Vladimir Ashkenazy in der Philharmonie, bescheiden wirkt das Konzept hinter dem Programm. Welcher Weg führt von Faurés Orchestersuitensäuseln „Pelléas et Mélisande“, zu dem auch die schmusige Sicilienne gehört, ein Klassikschlager sondergleichen, zu Pendereckis Hornkonzert von 2008? Welches Feuer springt nach dem Ausflug ins 21. Jahrhundert und der avancierten Zugabe, die Radovan Vlatkovic spielt, das Hornsolo nämlich aus Messiaens „Des Canyons aux étoiles ...“, wenn es dann doch wieder zurückgeht, zu Faurés Zeitgenossen Albert Roussel und dessen Suiten aus „Bacchus et Ariane“? Bald nach dem Messiaen mit seinen kühn geschmetterten Tonsprüngen, den flatterzüngelnden Landepunkten, den hochgelegten Läufchen im Pianissimo, muss man schon wieder an die alte Dichotomie zwischen Oberfläche und Inhalt denken. Die es natürlich nicht gibt. Und dann wieder doch: Denn so zirzensisch musikantisch, so puderzuckerselig, so bombenscharf und gut gelaunt gibt sich Roussel, dass sich nur ahnen lässt, wie es wohl unter all dem Aufruhr aussehen mag. Zumal Ashkenazy ein Dirigent der kleinen Bögen, der kurzen Atemzüge ist. Ein wenig mehr von jenem virtuos langen Atem, den Vlatkovic zur Schau stellt, ein bedächtigerer Sinn bei der Stückewahl hätten diesem Abend gutgetan. Christiane Tewinkel

POP

Heiß: Whitest Boy Alive im Astra

„Ihr werdet schwitzen!“, prophezeit Erlend Øye zu Beginn des Auftritts von The Whitest Boy Alive. Zunächst klingt das Versprechen des Schlakses großmäulig, denn die Raumtemperatur im Astra steigt am ersten Konzertabend rascher als der Stimmungspegel. Zwar haben die vier Wahlberliner ein Heimspiel, aber schweißtreibend ist ihr gedrechselter Studentenpop erst mal nicht. Doch bei „Courage“ kommt Bewegung ins Publikum. Daniel Nentwig treibt seine Kollegen mit einem beim 1995er Clubhit „Push Push“ von Rockers Hi-Fi entliehenen Synthiegebratze vor sich her. The Whitest Boy Alive stehen für den Paradigmenwechsel im Indie-Pop: Nicht mehr die Gitarre ist das bestimmende Instrument, sondern das Keyboard. Mit ihrem retromodernen Zitatpop plündert die Band 40 Jahre Dancefloor-Geschichte: Da treffen Roxy Music auf Technotronic, die Sugarhill Gang auf die Disco-Phase der Stones. Der von Øyes Gesang geprägte Sound entfaltet sich immer prachtvoller. Ihren Indie-Hit „Burning“ inszenieren sie wie einen 12-Inch-Remix mit The-Prodigy-Zitat und Instrumententausch im Dunkeln. Grandios die Zugabe: Bei „Dreams“ übernimmt die Vorband The New Wine rührend aufgeregt die Gerätschaften, ehe die Whitest Boys hinzukommen. Øye rappt über die Abenteuer des Tourlebens, woraus sich eine Kraut-und-Rüben-Coverversion von Daft Punks „Around the World“ ergibt. Am Ende sind doch alle verschwitzt. Jörg Wunder

FILM

Cool: der Multikulti-Drogenkrimi „Kopf oder Zahl“

Das Fernsehen hat es vorgemacht: Seit Jahren sind die Ensembles besonders amerikanischer Polizei-Serien multi-ethnisch zusammengesetzt. Amerikaner mit indianischen, afrikanischen und asiatischen Wurzeln und ihre Kollegen europäischer Abstammung ermitteln gemeinsam in ebenso gemischten Milieus und tragen damit der gesellschaftlichen Realität Rechnung. Hierzulande sind es immer noch eher avancierte Formate wie „KDD“, in denen schwarzhaarige und dunkelhäutige Deutsche die Polizeitruppen verstärken dürfen. In ihrem Versuch, mit „Kopf oder Zahl“ (zu sehen im Moviemento, Karli und Cinestar Hellersdorf) einen deutschen Genrefilm zu inszenieren, haben die Jungregisseure Eicher und Mayer – bisher in der Musik- und Werbeclip-Branche tätig – dieser Realität Rechnung getragen. Die Drogenstory in ihrem anonymisierten, schmuddeligen Berlin unterscheidet kaum noch zwischen Gut und Böse: arabische, russische, türkische, afrikanische und deutsche Deutsche auf allen Seiten. Die bruchstückhaft sich erschließende Handlung und die Darsteller wie Heinz Hoenig, Jana Pallaske oder Jenny Elvers-Elbertzhagen sind dabei weniger interessant als die stilistischen Mittel, derer das Regie-Duo und ihr Kameramann Marcus Stotz sich bedienen. Ausgebleichte Farben, ein Tageslicht, das den Namen kaum noch verdient, Interieurs bestenfalls in Sepia-, meistens jedoch in Schlamm- und Schlicktönen, Großaufnahmen von Details. Dazu Untersichten, schiefe Ebenen und Verzerrungen, die Gebäude, die man eben noch zu kennen glaubte, plötzlich fremd erscheinen lassen. Anregend ungewohnt im deutschen Gegenwartskino. Daniela Sannwald

KLASSIK

Schön: Hindemith-Wettbewerb

im Konzerthaus

Soll man Gott zürnen, weil er uns so wenige faszinierende Talente schenkt, oder sollen wir für diese raren Sterne am Fundament der Musik dankbar sein? Im kleinen Saal des Konzerthauses überwiegt beim Abschlusskonzert des ersten internationalen Hindemith-Wettbewerbs eindeutig die Dankbarkeit. Vor allem angesichts der zwölfjährigen, in Wien geborenen Marie-Isabel Kropfitsch. Von Technik wollen wir gar nicht sprechen, die junge Geigerin, Spross einer Berufsmusikerfamilie, schlägt alle mit ihrer Natürlichkeit und unverstellten Hingabe in den Bann. Im Programm ist sie mit Werken von Kreisler und Wieniawski, brillanten Zugabenstücken, vertreten. Die spielt sie so schön, dass man sich den 4. und 5. September vormerken sollte: Dann ist sie in Schloss Britz mit Mendelssohns Violinkonzert zu hören. Sicher ungerecht, dass die Pianistin Maria Marchant mit ihrem klangschönen Ravel und der temperamentvolle Geiger Iskandar Widjaja hier nur am Rande erwähnt werden. Aber bei jungen Erwachsenen staunt man ob solcher Meisterschaft weniger als bei einer Zwölfjährigen. Berlin jedenfalls hat einen neuen hochkarätigen Wettbewerb, eine Ausweitung auf andere Instrumente ist in Planung. Ulrich Pollmann

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