Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Patrick Wildermann

THEATER

Arme Schlucker: „Pierre und die anderen“ in den Sophiensälen

„Wenn deiner Nachbarin, die Hartz-IV-Empfängerin ist, die Waschmaschine kaputtgeht, dann schreib kein Stück über sie, sondern kauf ihr eine neue Waschmaschine.“ Diese Einsicht von René Pollesch hat sich die Schauspielerin Christine Groß für ihre Inszenierung „Pierre und die anderen“ in den Sophiensälen geborgt. Mit Co-Regisseurin und Kamerafrau Ute Schall zieht sie einen Filmtheaterabend über eine authentizitätsgeile Künstlerin auf: Charlotte (Nina Kronjäger) hat gerade einen RAF-Film gedreht, nun aber dürstet es sie nach Sozialtristesse. Doch die armen Schlucker, die sie vor die Kamera holt, sind Mitglieder einer Aktionstheater-Truppe. Und die müssen nun ihre Realität als Hungerkünstler in die Fiktion einer Transferhilfe-Existenz überführen. Was mit diesem Selbstbespielungs-Diskurs karikiert werden soll, ist wiederum mit Pollesch auf die Formel zu bringen: Ich habe doch gar nicht das Copyright am Elend der anderen. Aber Groß und Schall schlagen daraus keine Funken, sondern blasen einen Theater-Insider-Witz auf, der in schlechter Akustik auf der Videoleinwand vorbeirauscht (wieder vom 26. bis 29. April). Patrick Wildermann

OPER

Vergiftete Liebe: Die Hochschule für Musik Hanns Eisler gibt Monteverdi

Was ist stärker: Schicksal, Tugend oder Liebe? Mit dieser Frage beschäftigen sich Claudio Monteverdi und sein Librettist Giovanni Francesco Busenello in der Oper „L’incoronazione die Poppea“ am Beispiel des Bösewichts Nero und seiner Kurtisane. Die Hochschule für Musik Hanns Eisler hat das 1642 uraufgeführte Drama unter der Leitung des Alte-Musik- Spezialisten Wolfgang Katschner auf ihre Studiobühne gebracht. Die Regisseurin Nadja Loschky siedelt die Geschichte in einer kurz vor dem Untergang stehenden Diktatur an. Zwar schafft das Setting eher Distanz und widerspricht sich Loschky, wenn sie den stoischen Philosophen Seneca via Übertitel als „Graue Eminenz ohne Rettungsplan“ bezeichnet und gleich darauf zeigt, wie er den Diktator in die Enge treibt. Dass aber Nero und Poppea am Ende bemerken, dass sie vergiftet wurden, ist ein Kunstgriff, der Busenellos würdig ist. Unerwartet scheint in einer vom Sex dominierten Beziehung, die Thomas Volle und Annika Ritlewski mit Genauigkeit und Hingabe darstellen, der Trost einer metaphysischen Liebe als verpasste Chance auf (wieder am 26. April und 3. Mai). Carsten Niemann

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