Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Daniel Wixforth

KLASSIK

Wenn der Himmel sich verdunkelt:

Französisches in der Philharmonie

Für Marek Janowski ist es ein Heimspiel mit Auswärtsmannschaft. Auf Tournee mit dem Orchestre de la Suisse Romande, hat der Maestro in der Philharmonie französische Kost im Gepäck – entriert von einem Schweizer Appetitanreger. Michael Jarells Orchesterwerk „…Le ciel, tout à l’heure si limpide, soudain se trouble horriblement …“ (puh!), erst vor einer Woche in Genf uraufgeführt, ist ein amotivisches Spiel mit Klangfarben und Farbklängen. Enorm basslastig instrumentiert, formen sich nervös flirrende Dialoge zu ruhenden Flächen, die bisweilen gar Grundtongefühle vorgaukeln. Viel Organik, wenig Konstruktivismus.

Dass das Orchester wunderbar auf den Punkt spielt, veredelt nicht nur solch postmoderne Literatur; es bereichert ebenso Jean-Yves Thibaudets sinnlichen Einsatz in Ravels Klavierkonzert für die linke Hand. Heroisch-treibend formt der Schweizer mit fünf Fingern voluminöse Themen, beweist gleichzeitig aber, ganz französisch, ein feines Gespür für die süßliche Ornamentik des Werkes. Nur zu einer Zugabe lässt er sich trotz minutenlanger Ovationen nicht hinreißen.

Also gleich zum Hauptgang: die Symphonie fantastique – französische ProgrammRomantik, Fortsetzung Beethovens, Vorbereiter der Moderne? Von allem etwas bitte! Betont Janowski im ersten Satz noch sachlich die Form und behandelt die Idée fixe noch schlicht als Thema, so verschreibt sich das Orchester im Folgenden – klanglich toll ausdifferenziert – der Szenerie. Vom Dialog der Hirten (mit Holzbläsern von den Rängen) über zelebriertes Paukengewitter bis zur plakativen Destruktion der fixen Idee im Schlusssatz gibt es hier viel von Berlioz’ Programm der unerfüllten Liebe zu kosten. Exquisit! Daniel Wixforth

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