Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg Wunder

HEAVY FOLK

Rührend: Hellsongs

im Frannz Club

„Wir sind Hellsongs aus Göteborg, und wir sind böse“, begrüßt Gitarrist Kalle Karlsson das Publikum im Frannz Club. Aber wer es bei dem Trio mit der Angst zu tun bekommt, der gruselt sich auch vor dem Sandmännchen. Mit der Instrumentierung Elektroorgel, akustische Gitarre plus Gesang machen sie sich über Heavy-Metal-Klassiker her und transformieren sie in „Lounge Metal“. Zwar kommt die Performance der Schweden nicht ohne Augenzwinkern aus. Doch wenn sie sich den Originalen nur ironisch nähern würden, wäre der Witz schnell erzählt. Außerdem würde das Publikum dann nicht zur Hälfte aus Metal-Fans bestehen. Hellsongs scheinen durch einen archäologischen Säuberungsprozess den ursprünglichen Kern der Stücke freizulegen. Und der liegt bei vielen Metal-Hymnen offenbar nah am Folk: Songs wie „Seek and Destroy“ (Metallica), „Running Free“ (Iron Maiden) oder „Paranoid“ (Black Sabbath) bekommen mal ein melancholisches, mal ein aufgekratztes Lagerfeuer-Feeling.

Harriet Ohlsson begeistert durch ihre modulationsreiche Stimme, die einen an Suzanne Vega und Joni Mitchell denken lässt. Für einige Stücke komplettiert eine weitere Schwedin Hellsongs zum Abba- Gedächtnis-Quartett: Eine Brünette und eine Blonde singen im Rampenlicht, zwei Jungs machen die Musik. Nach 75 charmanten Minuten und Harriets abschließendem Hechtsprung ins Publikum endet ein tolles Konzert mit Erkenntnisgewinn: Die Lieder der harten Jungs sind oft rührend traurige Weisen, die erst durch tonnenschwere Gitarrenriffs, Doppel- Bassdrums und Adrenalingekreisch zu dem Krawall werden, den man kennt.Jörg Wunder

KLASSIK

Deliziös: Das Barockorchester Stuttgart in der Philharmonie

Ein Hauch von Staatsakt liegt über dem Montagabend in der Philharmonie. Wenn die Landesvertretung Baden-Württembergs in Berlin Jahrestag feiert, kommen Weißburgunder und Hechtklößle im Siebeneinhalbtonner aus Freiburg und die Musik aus Stuttgart. Der Kammerchor und das Barockorchester Stuttgart führen Händels „Messias“ aus dieser Zone gediegener Leistungsnachweise hinaus und interpretieren Händels „Messias“ unter Leitung von Frieder Bernius als beglückend unforcierte, reflektierte und unmittelbare Verbindung von Text, Linien und Farben. Durchweg überzeugt Bernius’ Konzeption, Händels Synthese europäischer Formen als großes vibrierendes Spannungsfeld anzulegen: nicht von einem Hit zum nächsten steuernd, sondern mit elegant zügigen Tempi und Übergängen.

Die Affekte werden Impulse in einer oszillierenden Klangfläche, in der kein Wort verschwimmt und der Chor das „light“ in „delight“ wie einen Lichtstrahl fokussiert. Dieser Qualität entspricht bei den Solisten Tenor Benjamin Hulett, während Altus Daniel Taylor in der Höhe etwas maniriert den Schmelz auskostet. Wenn deren Duett in den Chor „But thanks“ mündet, klingt das nach tapsiger Gemeinde – der Kammerchor indessen steigert die Delikatesse. Und singt das „Halleluja“ so staatsaktfern und schwerelos, dass noch das duftigste Hechtklößle daneben ein Wackerstein ist. Volker Hagedorn

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