Kultur : KURZ & KRITISCH

H.P. Daniels

POP

Blaue

Stunde

Erst ist es ein bisschen wie eine Mischung aus Love Parade, Gay Disco und Klassentreffen der gealterten Generation Golf in der knallvollen Columbiahalle: Jede Menge knutschende Männerpaare und ein DJ, der eine Dreiviertelstunde monströses Techno-Gebummere auffährt. Aber punkt neun dann endlich: Bühne dunkel, alles dunkel. Ohrenbetäubender Jubel. Da stehen jetzt Yazoo. Worauf ihre Fans immerhin 25 Jahre warten mussten, die Wiedervereinigung des englischen Duos, das mit seinem künstlich kunstvollen Synthiepop zu Beginn der 80er Jahre zu bemerkenswerter Popularität gelangte, sich aber nach nur zwei Alben wieder auflöste. Leer und spartanisch sieht es aus auf der Bühne. Der frühere Depeche-Mode-Synthesizerist und Komponist Vince Clarke steht am aufgeklappten Laptop und wirkt mit Anzug und Glatze wie ein Geschäftsmann. Dabei erzeugt er diese unterkühlten Digitalsounds, denen Alison Moyet mit ihrer erdnahen Soulstimme erst Leben einhaucht. Viel geprobt haben sie nicht vor dieser Reunion-Tour, erst im März haben sie sich das erste Mal wieder getroffen. Und so klingt zunächst auch alles ein bisschen auseinander. „Nobody's Diary“ und „Bad Connection“ finden noch nicht die richtige Verbindung. „Mr. Blue“ ist ein schöner Song mit schlechtem Sound. Moyet kommt langsam in Fahrt, beginnt zu tanzen, lässt Haare und Stimme wehen im Windkanal. Techno-Soul, dunkle Balladen, rasante Tanz-Kracher, Disco-Stampfer, schneller Ruckel-Funk, beseeltes Blues-Feeling. Am Ende noch die größten Hits: „Situation“, „Don't Go“, „Only You“. Nach 80 Minuten ist Schluss und die Fans toben. H.P. Daniels

KLASSIK

Schrille

Stille

Nein, bloß kein Wohlklang. Olli Mustonen hämmert Bach aus den Fugen, schlägt sich mit Prokofjew herum, tranchiert Beethoven. Der Pianist als Zertrümmerer, der im nächsten Moment die Überlebenden aus der Ruinenlandschaft zu bergen versucht: Jeden Ton trotzt der 40-jährige Finne im Kleinen Saal des Konzerthauses dem Flügel ab, ein zweistündiger Kampf, eine dreifache Kriegserklärung. Nichts ist Konvention, nichts versteht sich von selbst, Schweiß fließt und Herzblut. Die Tänze in Bachs B-Dur-Partita erstarren in der Bewegung, um gleich wieder wie besessen zu kreiseln, erst gemeißelte, dann gefriergetrocknete, schließlich flirrende Gestalten. Den gleichen knallharten Anschlag lässt er Sergej Prokofjews Sechs Stücken op. 52 angedeihen (als ob Intensität mit Lautstärke identisch wäre), umgrenzt die pastellfarbenen Klangflächen des Andante mit scharfen Konturen und fährt volles Risiko, auch bei Beethovens halsbrecherischer Hammerklaviersonate.

Ein radikales, rasend gefährliches Unternehmen: Wer führe da nicht gegen die Wand. Aber wenn er gelingt, der Augenblick, in dem das Schrille millimetergenau in die Stille mündet, dann ist Mustonen ein Magier der Metamorphose. Dann traut man seinen Ohren nicht, weil er die Extreme einander mit flatternden Händen anverwandelt und das Titanische vom Träumerischen, die Gewalt von der Zärtlichkeit nur einen Herzschlag entfernt liegt. Der Preis dafür ist hoch, Mustonen zittert vor Anspannung, sein Spiel ist mitunter von erschütternder Vergeblichkeit. Aber man ahnt auch: Diesen Beethoven wird man so schnell nicht mehr vergessen. Christiane Peitz

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