Kultur : KURZ & KRITISCH

Kolja Reichert

KUNST

Marmoraugen blicken in die Leere

Manchmal muss erst ein Fremder kommen, um einen Ort neu zu entdecken. Über 30 Jahre stand das alte Umspannwerk am S-Bahnhof Charlottenburg leer, die Bäume brachen schon durch die Mauern. Der Züricher Schokoladenunternehmer Roman Koidl hat das 1928 von Richard Brademann entworfene Bauhaus-Gebäude nun zu einer kleinen, feinen Kunsthalle umgebaut. In vier Ausstellungen pro Jahr will er hier Werke aus Privatsammlungen präsentieren und so die Aufmerksamkeit auf die für die Kunstwelt immer bedeutenderen privaten Akteure lenken. Die erste Ausstellung ist bereits ein Coup: Mit 16 Werken gibt die Dresdner Bank erstmals außerhalb ihrer Filialen einen Einblick in ihre reichhaltige Kunstsammlung („Moves“, Gervinusstr. 34, bis 15. August, Di–So 13–19 Uhr, Do 13–21 Uhr). Klassiker wie Alberto Giacometti, Laszlo Moholy-Nagy und Max Ernst treffen in der Koidl-Kunsthalle auf renommierte Gegenwartskünstler wie Eberhard Havekost oder Nachwuchs aus dem Stipendiatenkreis der Bank.

Die Werke sind teils originell in den Dialog gesetzt, wie der schreitende Giacometti und das von Regina Weiss in einen leeren Raum versetzte Demonstrantenpaar. Zauberhaft die Halbplastik des viel zu selten ausgestellten Katsura Funakoshi. Die Marmoraugen ins Leere gerichtet, mit den Fingern einer Hand spielend, erscheint diese puppenhaft-verletzliche Holzfigur in sich versunken. Die beeindruckende Vielfalt ist zugleich das Problem der Ausstellung, bringt sie doch den Raum an seine Grenzen. Der ist mit seiner Kombination von rostigem Stahl und Weiß äußerst gelungen restauriert, aber kantenreich und schmal. So ist Karl Horst Hödickes Berlin-Panorama, verstellt durch einen Raumteiler, nur gehend zu erfahren. Reduktion täte gut. Kolja Reichert

 

KLASSIK

Höllenritt  und Jungfrauengebet

Frühsommer der großen Chöre in Berlin. Traten bei den Philharmonikern Donald Runnicles mit seinen Hundertschaften aus Atlanta und Claudio Abbado mit geballten Rundfunk- und Kinderchören für die Opulenz von Hector Berlioz ein, so bringt nun Kerstin Behnke in der Philhar monie eine Entdeckung: Sie vereint eine Sängerschaft aus drei Chören – neben ihrer Berliner Cappella den Karl-Forster- und den Studio-Chor –, um den unbekannten Antonin Dvorak zu feiern. In der Kantate „Die Geisterbraut“ vertont der „einfache tschechische Musikant“ einen Balladentext von K. J. Erben. Die Dichtung basiert auf der alten Geschichte, dass ein Mädchen von seinem toten Bräutigam besucht und entführt wird. Sehnsucht ist darin, Kriegsschicksal, die schauerliche Nachtseite der Natur, Friedhofsromantik. Anders als in Bürgers berühmter „Lenore“ findet die Braut bei Dvorak Rettung, weil sie eine Arie anstimmt, die als Gebet einer Jungfrau ihre Wirkung tut. Manja Neumann hat dafür den romantischen Mädchenton. David Mulvenna singt ihren unheimlichen Partner, Rainer Scheerer den Erzähler, dessen betrachtendes Echo die Chöre bilden, Laienchöre mit wirkungsvoll eifrigem Engagement. Die Brandenburger Symphoniker entfalten Dvoraks Melodik, lyrisches Englischhorn, Gespenstersphäre, Flöten, Glocken, Höllenritt und Todestanz. Und die Schatzgräberin Kerstin Behnke dirigiert ein spannendes Konzert, eine Partitur, die in der Überschaubarkeit ihren Meister zeigt. Sybill Mahlke

 

OPER

Zaubertrank aus der Thermoskanne

Eine Handvoll junger und nicht mehr ganz so junger Menschen versammelt sich auf einer Party und steigt unter der Anleitung des hippiehaften Spielmachers Meandro in verschiedene Rollen. Schon geht’s los mit der Gefühlsverwirrung. Wir sind mitten in einem Vexierspiel mit verzauberten Burgen, Magiern und Quellen, deren Wasser dazu führt, dass der Trinkende sich Hals über Kopf in den nächstbesten Menschen verliebt. Mit Logik ist dieser Handlung nicht beizukommen, und so stellt Regisseur Alexander Schulin das frühbarocke Opernpersonal Francesco Cavallis in die stilisierte Gassenbühne von Bettina Meyer und kommt mit sehr wenigen Requisiten aus. Einige Kissen, ein paar Zweige, fertig ist die Zauberinsel. Nach und nach steigern sich die Partybesucher in ihr Rollenspiel, lassen sich zu Liebesgrausamkeiten hinreißen. Der erlösende Zaubertrank, mit dem Meandro die Verwirrungen schließlich auflöst, kommt ganz heutig aus der Thermoskanne.

Die überragend stilsicher und facettenreich singende Emanuela Galli reißt als Zauberin Nerea alle anderen in einen Strudel der Emotionen. Der ewig hungrige Knappe Rudione sorgt für Komik, Francesca Lombardi Mazzuli als Rosinda sorgt für die tragische Fallhöhe im Stück. Schwungvoll leitet der Dirigent Mike Fentross das zehnköpfige Ensemble „La Sfera Armoniosa“ durch Cavallis neu instrumentierte Partitur und gibt den exzellenten Solisten viel Raum für Ausbrüche sowie fein ziselierte Szenen. Im Potsdamer Schlosstheater vergehen die drei Stunden beinahe wie im Flug und machen immer wieder staunen: Seit 1651 haben die Komponisten kaum etwas Nennenswertes hinzuerfunden – und die menschlichen Emotionen haben wir auch noch nicht besser im Griff. Uwe Friedrich

 

SOUL

Besser als Joss und Amy

Heiß ist es im ausverkauften Postbahnhof. Auffällig weites Altersspektrum im Publikum, aber dann doch überwiegend Erwachsene. Erstaunlich, denn Aimee Anne Duffy aus Wales, die sich nur Duffy nennt, ist 23 Jahre alt und hat erst im Frühjahr ihr Debütalbum „Rockferry“ veröffentlicht. Auf der Bühne orientiert sie sich stark an den sechziger Jahren, in Ton und Optik: lange hellblonde Haare, kurzes, hochgeschlossenes Op-Art-Kleidchen. Erinnerungsbilder werden beschworen, von Petula Clark bis Dusty Springfield. Erinnerungsklänge von Blue Eyed Soul und Motown. Von all den mit Lorbeeren überschütteten neuen Soul- Damen, wie Joss Stone oder Amy Winehouse, ist Duffy auf der Bühne die Überzeugendste. Weder gekünstelt, noch offensiv prollig skandalnudelig. Die Ausdruckstiefe der Stimme ist in den nächsten Jahren sicher noch entwicklungsfähig, wie auch die Songs, die sich munter aus dem Fundus vergangener Jahrzehnte bedienen, so dass man sich immer wieder fragt, wo man dieses Intro, jenes Riff oder den Teil eines Refrains schon einmal gehört hat. Dass Duffy ein bisschen länger bleiben möge als die Stunde, in der sie ihr komplettes Album samt B-Seiten ihrer Hit-Singles absingt, wünschen die verzückten Fans vergebens. Doch bleibt Duffy eine Hoffnung für die Zukunft. H. P. Daniels

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