Kultur : KURZ & KRITISCH

Isabel Herzfeld

OPER

Klang

und Gewalt

Auch Sterben will gelernt sein: Wenn der weiße Ballon, wie ein riesiger Himmelskörper, aufglüht und die Bühne mit seinem Licht erfüllt, wenn die gleich Astronauten herumschwebenden Gestalten die blinkenden Maschinen loslassen und das mühsame Herumschleppen ihrer Lebensbürde endlich aufgeben, dann ist der Übergang in eine andere Welt vollzogen, gewissermaßen eine kopernikanische Wende. Das Sterben der jungen Agni, die im limbischen Zwischenreich alle Stadien der Auflehnung, Realitätsverleugnung und sogar Flucht zurück in eine Wiedergeburt durchläuft, hat die junge Regisseurin Tatjana Beyer in ausdrucksstarke, symbolhaltige Bilder gesetzt. (Ausstattung: Yassu Yabara und Sayyora Muinova). Mit Claude Viviers Oper Kopernikus legt die 26-jährige Absolventin des Studiengangs Regie an der Hochschule für Musik Hanns Eisler, die vor Jahresfrist bereits mit der Inszenierung von John Cages „Europeras“ aufgefallen war, eine eindrucksvolle Examensarbeit vor (wieder am 26., 27., 28. und 29. 6).

Fast zufällig stieß sie auf das späte Werk des 1983 jung ums Leben gekommenen Vivier, der als wichtigster zeitgenössischer Komponist Kanadas gilt. So gebührt dem Gemeinschaftsprojekt der Berliner Musikhochschulen, tatkräftig unterstützt von der kanadischen Botschaft, das Verdienst der deutschen Erstaufführung, allen voran dem Projektleiter Wolfgang Heiniger vom Institut für Neue Musik der Universität der Künste und dem Dirigenten Errico Fresis. Der schleudert gleißende, in ihrer strengen Homophonie wie eingedampft wirkende Klangbrocken aus dem Orchestergraben des UdK-Theatersaals – eine Mischung von Vulkanausbruch und Ritual.

Kaum zu glauben, dass das nahezu solistisch agierende, bläserdominierte Ensemble Klangexecutive solche Klanggewalt erzeugen kann. Vorzüglich bewältigt die siebenköpfige Sängergruppe die scharf geschnittenen, in extreme Lagen geführten melodischen Linien, aus der Helena Köhne als Agni mit warmer Altstimme, Martin Gerke als eine Art kopernikanischer Wächter des Totenreichs mit baritonaler Spannweite herausragen. Und ohne Komik ist das in seiner Rätselhaftigkeit faszinierende Mysterienspiel auch nicht: Agnis Tod verursachte letztlich ihre Lebensgier, das genussvolle Schlürfen einer (vergifteten?) Suppe. Isabel Herzfeld

PRAGER FRÜHLING

Panzer

und Protest

Wie hilflos sich Zeugnisse der Zuversicht ausnehmen, nachdem die Zeit sie erledigt hat. Unter dem Eindruck der Kafka-Konferenz, die 1963 den Prager Frühling einläutete, schrieb der Schriftsteller Ernst Fischer in einem Brief an Lilly Becher, dass „der Marxismus wieder die Chance hat, auf junge Menschen als Magnet zu wirken“. Fünf Jahre später rollten in Prag die sowjetischen Panzer ein und zerstörten die Hoffnungen auf einen demokratischen Sozialismus. Fischers Brief ist eines von zahlreichen Dokumenten aus dem Archiv der Akademie der Künste, mit denen die Ausstellung Kein Atem im Stein die Stimmung wiedergibt, die während der Prager Ereignisse unter den ostdeutschen Schriftstellern herrschte (Pariser Platz, bis 22. Juni, Di-So 11-20 Uhr). Zehn Schaukästen erzählen von stillen und lauten Reaktionen. „Kein zweites Vietnam“, warnten Thomas Braschs Flugblätter, die prompte Antwort der Staatsmacht schlägt sich in seiner Notiz „Einzelhaft“ nieder. Quittungen für Bauarbeiterhelme zeugen von Klaus Schlesingers Spendenaktion, mit der er Schutzkleidung für die Westberliner Demonstranten besorgte. Spannend, wie sich etwa Anna Seghers oder Ernst Busch dem Zwang zur Zustimmung entwanden, die von den Künstlerverbänden nach dem Einmarsch gefordert wurde. Für die sinnliche Ergänzung sorgen Milieu-Fotos von Einar Schleef und Wieland Försters Bronze „Erschossener“ – zusammengekrümmt duckt diese Figur sich vor mehr als physischer Gewalt weg. Kolja Reichert

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