Kultur : KURZ & KRITISCH

Carsten Niemann

KLASSIK

Rhythmische

Pässe

Die Hymne geht den Fans in der EmmausKirche noch nicht so recht über die Lippen: Man muss sich erst daran gewöhnen, dass man mit Bier und Hackbrötchen in den Kirchenstühlen sitzt. Und dass hier kein Gottesdienst beginnt, sondern das Endspiel der Fußball-EM – live auf eine neben dem Altar schwebende Videoleinwand übertragen und live an der kircheneigenen Orgel begleitet vom Berliner Stummfilmpianisten und Kinoorganisten Stephan von Bothmer. Erstauntes Kichern, als von Bothmer mit einem spannungsgeladenen Dribbling-Motiv loslegt. Doch schon bei den ersten rhythmisch präzise markierten Pässen, den ersten dramatischen Halbtonrückungen beim Eindringen der gegnerischen Mannschaft in den Strafraum weicht das Amüsement der Anerkennung. Die Sprache der Orgel ist schonungsloser als die herkömmlicher Reportagen: Nach dem frühen Tor der Spanier (in der Wiederholung durch eine punktgenau einsetzende spanischen Hymne markiert) bewegt sich die Partie meist in düsterem Moll, bei jedem Foul lässt von Bothmer dissonante Septnonenakkorde zucken und scheut sich auch nicht, den Schmerz des an delikater Stelle getroffenen Klose auszumalen. Am Ende kompensieren die deutschen Fans ihre Trauer über das verlorene Finale mit stehenden Ovationen für einen heißen Kandidaten um den Titel eines Europameisters der Fußballkommentatoren. In jedem Fall ist von Bothmer der Beweis gelungen, dass nicht nur in der Kunst der Stummfilmbegleitung, sondern auch in der Tradition der Orgelimprovisation ein Riesenpotenzial steckt. Carsten Niemann

KLASSIK

Leises

Zwitschern

So ruhig hat man den Gendarmenmarkt selten erlebt wie am Sonntagabend, eine knappe Stunde vor Beginn des Endspiels der Fußballweltmeisterschaft. Doch ein kleines, feines Event findet an diesem Abend in der Nolde-Stiftung statt. Der variable Empfangsraum dient in der Regel als Museumsshop, tut aber auch als Vortragssaal Dienst und zeigt sich diesmal als Musikzimmer. Es ist gut besetzt. Immerhin steht mit dem amerikanischen Pianisten Kevin Kenner der Gewinner des Chopin-Wettbewerbs von 1990 an. Von dem mittlerweile 45-jährigen Lehrer am Londoner Royal College of Music erwarteten sich die Veranstalter Programmmusik, passend zu den im Obergeschoss gezeigten Landschaftsbildern von Emil Nolde (Tagesspiegel v. 30. Mai), doch solche habe er „nicht finden können“, erklärt Kenner und konzentriert sich auf Beethovens 32 Variationen c-Moll, Brahms „Fantasien“ aus op. 116 und natürlich Chopin, im zweiten Teil dann auf Liszt, Ravel und Debussy. In dem kleinen Foyer kommen die Töne anfangs recht kantig herüber, ehe sich der Pianist auf die Raumverhältnisse eingestellt hat. Sein Spiel ist analytisch, klar, und erst bei Chopin erlaubt er sich neben marschmäßigem Stakkato auch Lyrismen, dehnt das Tempo, lauscht dem Klang nach. Und vielleicht auch dem Gezwitscher der Vögel, das aus der verkehrsfreien Straße hereindringt. Chopin ist Kenners Lieblingskomponist, kein Zweifel, hier zeigt er – manchmal eine Spur zu bravourös – sein Können, und dazu formt er Glenn-Gould-mäßig Laute mit den Lippen. Dem Konzert in der Nolde-Stiftung folgt ein ganzer Strauß von Veranstaltungen zur Landschafts-Ausstellung, mit Lichtbildvorträgen und Lesungen (mehr unter www.nolde-stiftung.de), doch kein weiteres Mal mit Musik . Warum eigentlich nicht? Das Foyer hat seine Tauglichkeit doch bewiesen! Bernhard Schulz

KUNST

Weißes

Rauschen

Ganz langsam schiebt der Zeigefinger das Weinglas über das Holz, Zentimeter um Zentimeter. Da endlich, die Tischkante. Das Glas kippt – und das Video bricht ab. Kein Klirren. Was bleibt, ist die gespannte Erwartung des Betrachters. „Hören Hören“ nennt der Komponist und Klangkünstler Peter Ablinger seine Ausstellung im Haus am Waldsee, in der er die Aufmerksamkeit auf die akustische Wahrnehmung selbst lenkt (Argentinische Allee 39, bis 3. 8., tgl. 11–18 Uhr). Das hat teils einen leicht pädagogischen Zug, wenn etwa die in klassischer Konzertsituation aufgereihten Stühle an der Hecke zur Straße auf das hinweisen, was ohnehin täglich hörbar ist. Die meisten Arbeiten aber sind in ihrer zurückhaltenden Gestik von leisem Witz getragen. Besonders fasziniert den in Berlin lebenden Österreicher das, was in der Malerei das Weiß ist, die Gesamtheit aller Töne: Rauschen. In den Räumen im Obergeschoss ist hingegen nichts zu hören als Stille – genauer ein fast unhörbares Rauschen, das jeweils einen anderen der fünf Vokale formt. Mehr als von musikalischen Traditionen sieht sich Ablinger von der bildenden Kunst beeinflusst, insbesondere von Minimal- und Concept-Art. So ergänzen auch weiße Gemälde Daniel Biesolds die Ausstellung, und mit seinem sprechenden Klavier hat der Komponist ein Pendant zur fotorealistischen Malerei geschaffen: Ein Apparat spielt auf der Klaviatur die Frequenzen eines bitterbösen Briefdiktats von Zwölfton-Erfinder Arnold Schönberg nach. Dass man auf der beiliegenden Abschrift Silbe für Silbe mitlesen kann, glaubt erst, wer’s gehört hat. Kolja Reichert

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