Kultur : KURZ & KRITISCH

Christoph Funke

THEATER

Ein lustiges Begräbnis

für den armen B.B.

Lobet den Herrn, Brecht ist tot. Sein Sarg ist auf der Bühne des Theaters im Palais abgestellt. Zwei Clowns mit verrutschten Hosen und schiefen Jacketts beratschlagen, was zu tun sei. Beim Verrenken von Kopf und Gliedern quellen ihnen unversehens Brecht-Texte nicht nur aus dem Mund, sondern gleichsam aus dem ganzen Körper. Wettbewerb und wüster Streit, mit Gedichten, Liedern, Reimen. Zwei tollpatschige Kerle erfinden gleichsam neu, was den Dichter in schweren, vitalen, sündhaften Zeiten zum Dichten angeregt hat. Sie staunen, lachen, weinen, wechseln das Geschlecht, lassen die Brecht-Texte fliegen und tanzen.

Die Regisseurin Johanna Schall spielt in Männergespräche. Nachts. Oder. Bevor die Irrtümer verbraucht sind (wieder heute sowie am 18. und 19.11., 20 Uhr) mit dem Genie wie ein unartiges Kind. Carl Martin Spengler und Frank Buchwald sind die Clowns, die düstere Bühne schuf ebenfalls die Regisseurin, am Klavier stürmt Ute Falkenau durchs Werk der großen Brecht-Komponisten und gibt sarkastische Kommentare ab. Heller Spaß, rückhaltloser Einsatz: Spengler gibt den Gütigen, Buchwald den Aggressiven, der ans Gute nicht glauben mag. Schall denkt über einen Dichter nach, der seinen Zukunftsglauben durch das real existierende Widerwärtige zu retten versuchte – stur, mit bösem Zynismus und untergründiger Heiterkeit. Christoph Funke

PERFORMANCE

48 Leben

in 48 Minuten

Dem Einzelnen bleibt genau eine Minute Zeit. Eine Minute für die verbale Abrechnung mit dem konventionellen Dasein, sechzig Sekunden Seelenstriptease – und der Nächste bitte! So entsteht ein großes graues Kollektiv der Unzufriedenen – Lebensnegation am Fließband.

In ihrer Performance „Fight Club: A Chorus“ erzählt die New Yorker Gruppe Post Theater Chuck Palahniuks Roman „Fight Club“ nach – und viel mehr leider auch nicht. Im Buch wähnt sich der Protagonist gefangen in einer Dienstleistungsgesellschaft, als Marionette des Systems. Erst als er den ominösen Tyler Durden kennenlernt, der im Untergrund brutale Selbstfindungskämpfe organisiert, bekommt das Leben wieder einen Sinn.

Die Inszenierung im Magazin der Staatsoper (noch einmal heute, 20 Uhr) überträgt die Geschichte vom Individuum auf die Gesellschaft, dargestellt von 48 Performern aus dem nicht-künstlerischen Personal der Staatsoper. Vom Hausmeister bis zur Platzanweiserin darf jeder mal eine Passage des Buches zitieren. Die Intention? Auch die Institution Theater ist – wie der Fight Club – von Vorschriften und Regeln abhängig. Das begründet zwar das straffe Korsett und auch die Redundanz der 48-minütigen Aufführung (48 Zitate), bringt aber wenig Gewinn. Wer das Buch oder den gleichnamigen Film kennt, erfährt wenig Neues, die Restlichen dürften die Handlung kaum verstehen. Lediglich die frischen Kurzauftritte der Laienschauspieler und die Kulisse des Magazins entschädigen, ein bisschen. Daniel Wixforth

KUNST

Stille Landschaften

wider das Getöse

Selbst in der DDR blieb er ein Geheimtipp, ein Künstler für Künstler: Herbert Tucholski, der 1984 hochbetagt gestorbene Maler und Grafiker, hat sich allen Vereinnahmungen entzogen. Schon 1933 gehörte er zu den Mitbegründern der legendären Ateliergemeinschaft Klosterstraße, die Künstlern wie Käthe Kollwitz, Werner Heldt oder Werner Gilles Arbeitsmöglichkeiten bot. Tucholski war ihr Freund, einer, der mit stillen Landschaften das offizielle Getöse vor und nach 1945 Lügen strafte. Eine Auswahl seiner Zeichnungen, Aquarelle, Radierungen und Holzschnitte zeigen nun das Bezirksamt Pankow und die Akademie der Künste in der kommunalen Galerie Parterre (Danziger Straße 101, bis 23. November, Mi–So 14–20 Uhr). Dort kann man das gerade erschienene Buch der Kunsthistorikerin Gudrun Schmidt erwerben, (Herbert Tucholski. Ratio und diskrete Leidenschaft, MCM Art Verlag, 24 €). Die Ausstellung stellt rund 70 Papierarbeiten Tucholskis vor. Kleine Blätter, melancholisch und monumental. 1929 und 1939 reiste Tucholski nach Italien, das Veneto und die Toskana bewegten ihn lebenslang. Ebenso die Ostseeküste. Und immer wieder Boote, die in der Fantasie hin und her segeln können. Michael Zajonz

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