Kultur : KURZ & KRITISCH

Matthias Nöther

KLASSIK

Tiefgekühltes

Fieber

Bei Erich Wolfgang Korngolds Kammermusik kann vom Eindampfen der großen symphonischen Form keine Rede sein. Während die Atonalen Schönberg und Webern die gigantische Ausdrucksmasse ihres Vorbilds Mahler gleichsam zu einem extrem verdichteten „weißen Zwerg“ zusammenpressten, friert Korngold in seinem Klavierquintett E-Dur op. 15 (1920) Mahlers expressive Aufschwünge ein. Das Nash Ensemble of London führt im Kleinen Saal des Konzerthauses dieses tiefgekühlte Ausdrucksfieber vor. „Spätromantik“ ist das nicht mehr. Es ist Dauererregung, und es ist emphatisch modern. Den „Aufbruch 1909“ bewerkstelligte eine ganze Generation von Mahler-Verarbeitern.

Engagiert erinnert die britische Kammermusiktruppe daran, dass diese Generation später die der „Entarteten“ werden sollte: Korngold emigrierte nach Hollywood, und der Tscheche Hans Krása starb 1944 als Jude in Auschwitz. Der explizit tschechische Weg, den Krása in den beiden Streichtrios („Passacaglia und Fuge“ und „Tanec“) in die Zukunft weist, er konnte nicht mehr weitergegangen werden: Aus Volkstanzmotiven erwächst hier großes thematisches Material, und andere, strenge Kontrapunktthemen werden nie despektierlich dagegen ausgespielt. Konsequent auch die Auswahl des Klaviertrios op. 66 von Mendelssohn. Der große Ton, mit dem jeder einzelne Musiker des Nash Ensembles den Saal füllen könnte, kommt hier noch einmal voll zur Geltung. Matthias Nöther

KUNST

Nazi-Größenwahn

in Warschau

Wie lässt sich Geschichte in Bildern begreifen? Das Künstlerhaus Bethanien zeigt zwei künstlerische Ansätze. Die Warschauer Künstlerin Aleksandra Polisiewicz erweckt mit ihrem 3-D-Modell Wartopia die Neue Deutsche Stadt Warschau zum Leben (bis 1. 2., Mariannenplatz 2, Mi–So 14–19 Uhr; ab 4. 2. im Polnischen Ins titut, Burgstr. 27, Di–Fr 10–18 Uhr). Mit dieser Allmachtsfantasie in protzigem Neoklassizismus wollte sich das Deutsche Reich in Polens Hauptstadt einschreiben. Nur einige zehntausend Bewohner sollten Platz finden, das Schloss einer „Halle des Volkes“ weichen, und zur Weichsel hin sollte das „Gau-Forum“ mit Parteigebäuden entstehen. Neben einem klassischen Architekturmodell zeigt Polisiewicz großformatige Prints und einen simulierten Flug über die Stadtlandschaft, die eine gespenstische Realität erhält. Die aseptische 3-D-Optik mit ihren groben geometrischen Formen kappt die Bilder von historischen und politischen Implikationen. So frei von Raum und Zeit glaubten wohl auch die totalitären Technokraten, die Welt nach ihren Vorstellungen neu ordnen zu können.

Marek Pisarsky und Anne Peschken von Urban Art zerreißen ihrerseits alte Leinwände zu Streifen und flechten daraus neue. Aus quadratischen Farbfeldern entstehen Pixelbilder von Germania und dem Reichsparteitag, von Arbeiterkundgebungen und einer Bundestagssitzung. Was aus der Nähe diffus wirkt, wird erst aus dem Abstand zum Bild – so wie es auch mit der Geschichte ist. Kolja Reichert

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