Kultur : KURZ & KRITISCH

Jens Hinrichsen

KUNST

Der Querdenker

im Chemielabor

Der Friedlieb-Ferdinand-Runge-Preis für unkonventionelle Kunstvermittlung (10 000 Euro) wird alle zwei Jahre von der Stiftung Preußische Seehandlung vergeben. Diesmal hat ihn Peter Weibel bekommen, verliehen von Ulrich Eckhardt, 30 Jahre lang Intendant der Berliner Festspiele, der allein entscheiden durfte. „Da nehme ich doch den Streitbarsten, an dem sich Geister entzünden und scheiden“, erläutert Eckhardt beim Festakt in der Berlinischen Galerie sein Votum für den heutigen Leiter des Karlsruher Zentrums für Kunst und Medientechnologie. Weibel, dieser Querdenker der bildenden Kunst, hat sich vor allem für die Integration der Wissenschaft in die Kunstvermittlung stark gemacht. In seiner Dankesrede würdigt er den Namenspatron des Preises: „Runge hat die apparative Kunst vorweggenommen“ – und spielt damit auf die „selbstständig gewachsenen Bilder“ an, die der berühmte Chemiker Ende des 19. Jahrhunderts mithilfe verschiedener Substanzen „gemalt“ hat. Jens Hinrichsen

KLASSIK

Brüderlein und

Schwesterlein

Hätte es mit der Musik nicht geklappt, Kirill Troussov und Alexandra Troussova hätten ihr Geld ohne Probleme mit Modeln verdienen können. Die russischen Geschwister sind schon optisch die perfekten Classic Young Stars, und damit wie geschaffen für die gleichnamige Konzertreihe (Infos: www.classic-young- stars.de). Sie der blonde Blickfang am Flügel, er der Understatement-Gentleman an der Stradivari. Passend dazu gibt es im kleinen Saal des Konzerthauses ein Programm fürs Herz, nicht kopflos aber doch gefühlsorientiert. Brahms’ Scherzo aus der berühmten FAE-Sonate verteilt schon zu Anfang deutlich die Rollen: Während Kirill zwischen exaltiert drückendem Fortissimo und leise weinendem Piano gleich eine ganze Ausdruckspalette präsentiert, übt sich Alexandra in matter Zurückhaltung. Bei Beethovens Es-Dur Sonate Op. 12 wird das zum Problem. Die trockene, aber in diesem Werk eben doch essenzielle Ausgeglichenheit der Stimmführung geht in der Hierarchisierung des Geschwisterpaares unter. Schade, zumal beide nach der Pause zeigen, wie es geht: In César Francks Sonate von 1886 streift Alexandra die brave Begleiterrolle ab, betont die harmonischen Wagnisse des Stückes. So wird die Fantasie im dritten Satz zum eindringlichen, weil homogenen Höhepunkt des Abends. Neben aller Virtuosität blitzt hier viel musikalisches Feingefühl auf. Der Rest des Programms ist mit Tschaikowskys Valse Scherzo Op. 34 und – natürlich – mit Paganini wieder One-Man-Show, in der der 1982 geborene St. Petersburger von Doppelgriffen bis zu rasenden Arpeggien alles bieten kann, was das begeisterte Publikum an diesem Abend hören möchte. Daniel Wixforth

KLASSIK

Der Älteste

unter den Jungen

Der Gemütskranke, der Melancholiker: Ein Doppelporträt, das die Berliner Philharmoniker in dieser Saison zeichnen, gilt Robert Schumann und Bernd Alois Zimmermann. Das Unglücklichsein, Isolation, Neigung zum Tod rückt die um ein Jahrhundert getrennten Biografien zueinander, während die Musik den Romantiker mit dem Pluralisten, der vielen noch Zeitgenosse und zugleich Legende ist, kaum verbindet. Ein Konzert in Überlänge reiht vier heterogene Kompositionen aneinander. Von Schumann erklingt die „Frühlingssymphonie“, in agiler Körpersprache von Heinz Holliger dirigiert. Ein Werk des Abschieds dagegen mit dem virtuosen Anspruch eines Joseph Joachim ist Schumanns Violinfantasie, die verklungene Träume noch einmal träumt. Hier darf im Sinn des Programms das Schicksal Zimmermanns mitgedacht werden. Der traurigste Komponist des 20. Jahrhunderts ist mit Werken um 1950 dabei, als er unter dem gestörten Verhältnis zu „Darmstadt“ leidet, der „Älteste unter den jungen Komponisten“, dem das „Dritte Reich“ die „Jugend gestohlen hat“. Bezeichnend, dass die an diesem Abend in der Philharmonie gespielten Stücke erst nach seinem Freitod 1970 zu den Philharmonikern gelangten. Nach „Alagoana“ führt Thomas Zehetmair das Violinkonzert in lichte Höhen. Faszinierend die zwölftönig konzipierte Fantasia mit Celesta, Harfe und Sologeige wie dem musikantischen Unisono der Streicher, große Musik der unmittelbaren Nachkriegszeit. Sybill Mahlke

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