Kultur : KURZ & KRITISCH

Christiane Peitz

KLASSIK

Heiter weiter:

Das Artemis-Quartett geigt zur Jagd

Wenn das Artemis-Quartett zum Abschluss seiner Schubert/Widmann-Saisonreihe im Kammermusiksaal eine Piazzolla-Milonga als Zugabe intoniert, wird es noch deutlicher: Den traurigen Gedanken, den man tanzen kann, hat schon Franz Schubert gedacht. Ein Trauerflor umweht Schuberts „Rosamunde“-Quartett, keine bedrückende Schwermut, sondern ein zartes Weh, das in innig-beseelte Heiterkeit mündet. Erstes Sonnenlicht bricht sich auf der Wellenbewegung der Moll-Arpeggien. Der Lenz ist da, aber der Winter noch nicht vergessen.

Viel Schmelz, keine Schlacken. Artemis vereint Gegensätze auf einem Niveau, das andere Quartette zurzeit kaum erreichen: Umsicht und Übermut, Leichtigkeit und Sorgfalt, federnder Schritt, verbindliches Auftreten, traumwandlerische Präzision, ergreifend verdämmernde Schlusswendungen. Deshalb schart sich um Natalia Prishepenko, Gregor Sigl, Friedemann Weigle (die erneut im Stehen spielen) und den Cellisten Eckart Runge auf seinem kleinen Podest längst eine Fangemeinde. Die freut sich mit den Musikern über Jörg Widmanns Streichquartette vor der Pause, über das in zittrige Chromatik wegdriftende Schnauben und Schaben der Andante-Passacaglia samt peitschenden Luftschlägen in Nr. 4 ebenso wie über die tückische Jagdmusik von Nr. 3. Einmal mehr studiert Widmann Idiome des Kammermusikalischen, das dialogische Prinzip, das Gespräch unter Freunden, das in lebhaften Streit umschlagen kann. Wenn Geiger Sigl im Eifer des Gefechts die Saite reißt und er sein Instrument verarzten geht, wenn der Cellist nach galoppierender Verfolgung von den Bögen der anderen gleichsam erstochen wird, ist Artemis so frei und lädt zur Musiktheaterkomödie. Das Quartett, ein spaßiger Gedanke, den man spielen kann. Christiane Peitz

FOTOGRAFIE

Kolossal kolonial:

Namibia-Bilder im Bethanien

Es sind Dokumente des Scheiterns, die chaotisch und bunt den Kunstraum Bethanien schmücken. Wobei das Scheitern seine positiven Seiten hat: Als die Bochumer Theaterwissenschaftlerin Evelyn Annuß 2006 nach Namibia reiste, wollte sie dem Erbe der Kolonialherrschaft im ehemaligen „Deutsch-Südwest“ vor dem Hintergrund des Genozids an den Herero zwischen 1904 und 1908 nachspüren. Sie ließ Einwegkameras verteilen, die per Schneeballsystem übers ganze Land verbreitet wurden. Der Auftrag: Fotografiert, was ihr heute für deutsch haltet! Darauf hatten die Namibier allerdings keine Lust. Als Annuß die 5000 Bilder der 124 Fotografen auswertete, fand sie vor allem: Alltag. Die Namibier posieren vor Hütten und Landschaften, in ihren Häusern, auf der Arbeit und beim Sport. Die Jungen verkleiden sich wie Popmusiker (mit Bürste als Mikro), die Älteren zeigen sich im Sonntagsstaat, nicht wenige prosten dem Betrachter mit Bier zu – folgerichtig heißt die Ausstellung Stagings made in Namibia (bis 19. 4., Mariannenplatz 2, Di –Fr 14 – 19 Uhr, Sa/So 12 –19 Uhr).

Zwar werden die Kolonialverhältnisse in Erinnerung gerufen, wenn zwei weiße Jungs mit Gewehren neben einem erlegten Bock stehen, während die meisten Schwarzen in kargen Verhältnissen leben. Doch wo erwartet wurde, dass die Namibier über das deutsche Erbe nachdenken, machten sie sich lieber selbst zu gut gelaunten Subjekten ihrer Aufnahmen.

Am interessantesten sind die Bilder, auf denen der touristisch-koloniale Blick karikiert wird – der heute in deutschen Fernsehfilmen seine triviale Renaissance erlebt. Etwa wenn eine schwarze Frau mit riesiger Sonnenbrille vor einem ausgestopften Zebra in einem Schaufenster posiert. Oder wenn eine Familie sich im Stil der Völkerschauen (1870–1940) mit Pfeil, Bogen, Mörser und Holzinstrumenten als Eingeborenenclan präsentiert. Deutschland jedenfalls scheint heute für die meisten Namibier sehr weit weg zu sein. Philipp Lichterbeck

ARCHITEKTUR

Schau im Bau: Peter P. Schweger

im Collegium Hungaricum

Da steht es, klassisch modern in lichtem Weiß – und wird von seinen klassizistischen Brüdern im Geist, der Singakademie und der Humboldt-Universität, in die Mitte genommen: das 2007 eröffnete Collegium Hungaricum von Peter P. Schweger. Kein Ort wäre in Berlin geeigneter, um die Werkschau mit aktuellen Projekten des Hamburger Architekten zu präsentieren (bis 3. Mai, Dorotheenstr. 12, Katalog Niggli Verlag Sulgen: 49 €).

Dabei hat Schweger auch andernorts in der Hauptstadt eifrig mitgebaut. An der Spitze seiner Berliner Projekte steht der Umbau des ehemaligen Preußischen Herrenhauses zum Sitz des Bundesrats. Im Zentrum der Ausstellung mit Fotos und Entwürfen steht freilich ein anderer Umbau: die erfolgreiche Revitalisierung des legendären „Vierzylinders“ – Münchner Firmensitz von BMW aus den siebziger Jahren. Dort ist es Schweger gelungen, die Großraumbüros zu modernisieren und dabei die Fassade aus Aluguss-Elementen zu erhalten – keine Selbstverständlichkeit im Umgang mit Bauten der späten Nachkriegsmoderne. Ergänzt werden die Münchner Fotos durch Bilder von zwei aktuellen Planungen, die für den internationalen Erfolg des Büros Schweger stehen: für den 73-geschossigen Hochhaus-Komplex Dubai Pearl sowie einen Businesspark in Kiew.Jürgen Tietz

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben