Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Maris Hubschmid

THEATER

Gigantische Segel: Das Ensemble

Ton und Kirschen in der Ufa-Fabrik

Jeder Versuch, sich einen Reim auf das Geschehen zu machen, ist überflüssig. „Das Paradies ist verriegelt (...) Wir müssen die Reise um die Welt machen, und sehen, ob es vielleicht von hinten irgendwo wieder offen ist“, heißt es in Kleists Abhandlung „Über das Marionettentheater“, die als Prolog ertönt. Schon werden gigantische Segel aufgezogen, bahnt sich ein Modellschiff auf den Köpfen zweier Darsteller seinen Weg durchs Publikum. Ein wildes Spiel beginnt, in dem Soldaten zu Cello und Tango aufeinander schießen, ein Autor zusehen muss, wie seine Werke verbrennen und jemanden der große Lotteriegewinn ereilt, während er verzweifelt versucht, seine Hose zu finden. Mal präsentiert ein Schausteller klassisches Puppentheater, in dem Ritter um die Gunst eines Burgfräuleins kämpfen, mal laufen absonderliche Fantasiewesen und herrenlose Schuhe durchs Bild.

Szene reiht sich an Szene, es ist weniger eine Reise um die Welt als eine durch die Höhen und Tiefen menschlichen Daseins. Hoffnungen werden geweckt und zerschlagen, Träume erfüllen und Ängste bewahrheiten sich. Die Akteure geben sich Stimmungen hin. Alltagsbanalitäten finden genauso Erwähnung wie fundamentale Schicksalsschläge. In ihrem Stück „Perpetuum Mobile“ (wieder Sa, 20.30 Uhr in der Ufa-Fabrik) bringt die international besetzte Wandertheatergruppe „Ton und Kirschen“ aus Werder die sprachlichen und kulturellen Hintergründe der Schauspieler zum Klingen. Es wird Spanisch, Italienisch, Deutsch und Englisch gesprochen oder gesungen. Immer neue Puppen und Requisiten werden auf die Bühne geholt, bis am Ende alles miteinander in Bewegung gerät und das Perpetuum Mobile erwacht – eine physikalisch unmöglich zu konstruierende, sich selbst antreibende Maschine. Sie könnte Sinnbild sein für das Ensemble, dem mit einfachsten Mitteln, selten gesehener Energie und viel Leidenschaft eine ebenso verrückte wie bezaubernde Inszenierung gelingt. Maris Hubschmid

KAMMERMUSIK

Schönste Blüten: Trio Los Otros spielt Kapsberger im Radialsystem

Das Weltall expandiert, musikalisch. Noch nie war so viel Musik quer durch alle Jahrhunderte verfügbar, von Enthusiasten dem Vergessen in staubigen Archiven entrissen, mit Akribie restauriert und mit Verve aufgeführt. Und täglich wird das Spektrum größer. So blühen auf dem Boden eines gesättigten Klassikmarktes plötzlich die schönsten Blüten des Frühbarock auf: unerwartet, bizarr, herausfordernd. Wie die Musik von Giovanni Girolamo Kapsberger, der 1651 in Rom starb und als der führende Lautenspieler seiner Zeit gilt.

Die deutsche Stargambistin Hille Perl hat mit ihren Lautenkollegen Lee Santana und Steve Player Kapsbergers lange nicht zugängliches „Libro Terzo“ aufgeschlagen, studiert und für das gemeinsame Spiel des Trios „Los Otros“ adaptiert. Das auf 59 schwingenden Naturdarmsaiten eingespielte Ergebnis liegt jetzt auf der CD „Kapsbergiana“ (deutsche harmonia mundi) vor, die Los Otros im Berliner Radialsystem auch konzertant vorstellen. Ein Blick in das Labor der Avantgarde von 1626, verspricht Lee Santana – und in der Tat liegt Kapsbergers Stärke weniger in anmutiger Gesamtkonstruktion als im verwegenen Detail. Eine Musik für Tüftler und Trickser, die wissen, was im Frühbarock ein echter Twist war. Nur, wer weiß das schon genau. Perl, Santana und Player ist das weitgehend egal. Kapsbergers Musik tatsächlich in unsere heutige Umlaufbahn zu katapultieren, wie es etwa den wunderbaren Aufnahmen von Christina Pluhar gelingt, ist nicht ihr Wunsch.

Es liegt eine Aura von willentlicher Weltvergessenheit über diesem Abend, unter der das Publikum geduldet zuhören darf. Wie drückt es Santana aus: Diese Musik ist ein bisschen schizophren. Steve Player liefert dazu noch eine Ahnung von historischen Tänzen, natürlich ohne Partner. So versucht ein jeder seine Vorstellungen von bizarren barocken Träumen zu nähren, während draußen die Sonne über der Spree versinkt. Ein Wintermärchen im Hochsommer. Ulrich Amling

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