Kultur : KURZ & KRITISCH

Juliane Primus

KUNST

Prunk und Pracht:

Die Ottheinrich-Bibel im Zeughaus

Ihre Reise beginnt 1430 in einer Schreibwerkstatt in Ingolstadt. Da trägt sie noch nicht ihren berühmten Namen, ihrem Namensgeber kommt sie erst 100 Jahre später in die Finger: die Ottheinrich-Bibel, eine reich bebilderte Handschrift, eines der kostbarsten Manuskripte des Spätmittelalters. Auf 307 Pergamentblätter lässt Bayern-Herzog Ludwig von einem Schreiber das Neue Testament in Frühneuhochdeutsch notieren – 100 Jahre vor Luthers Bibelübersetzung. Acht Jahre später malen Regensburger Künstler 29 der insgesamt 146 Illustrationen. Prächtig mutet das Bild von Jesus und seinen Jüngern beim Abendmahl noch heute an, die Farben strahlen, das Blattgold der Heiligenscheine wirkt prächtig. Ein Jahrhundert später erbt der Pfalzgraf Ottheinrich die unvollendete Schrift. Er beauftragt Mathis Gerung, die Bildausstattung zu vollenden. 1860 wird die Schrift in Gotha in acht Teilbände zerlegt. Drei davon erwirbt die Bayerische Staatsbibliothek bereits 1950, die restlichen Teile sollen 2007 bei Sotheby’s unter den Hammer kommen. Der Freistaat kommt der Versteigerung zuvor – für geschätzte 2,9 Millionen Euro rettet er die Bände vor der Zerstreuung. Bevor die Bibel ihre Reise beendet und für viele Jahre den Blicken der Öffentlichkeit verborgen bleiben wird, ist das Buch bis 1.11. im Zeughaus des DHM zu bestaunen – rund 500 Jahre nachdem ihr Namensgeber hier Station machte. Juliane Primus

ARCHITEKTUR

Herrschaft des Verkehrs: Städtebau der Nachkriegsmoderne im DAZ

20 Jahre nach dem Mauerfall sind sich Ost- und Westdeutsche in wenigem so einig, wie in der Ablehnung des Städtebaus der Nachkriegsmoderne. Dabei wird vergessen, dass Großsiedlungen und Sichtbeton für die Generation der heute 40-Jährigen die Umgebung ihrer Jugend darstellten – und damit Heimat. Die Ausstellung „In der Zukunft Leben“ des Bundes Deutscher Architekten im Deutschen Architekturzentrum (Köpenicker Str. 48/49, bis 15. 11., Di-Fr 12–19, Sa/So 14–19 Uhr) untersucht nun die „Prägung der Stadt durch den Nachkriegsstädtebau“. Hinter dem Titel verbergen sich sechs Stadtporträts aus Ost und West. Vorgestellt werden sie durch Fotos, eine Zeitleiste der Bau- und Nutzungsgeschichte sowie anhand von Interviews mit Bewohnern und Planern.

Neben „Ikonen“ der Ostmoderne finden sich dabei überraschende westdeutsche Beispiele: Friedrichshafen, wo man beim Wiederaufbau an die Pläne anknüpfte, die schon während des Zweiten Weltkriegs entwickelt worden waren. Und in Darmstadt lässt sich erleben, wie der Verkehr die Herrschaft über die Stadtplanung erlangte: 1960 urteilte Bauwelt-Redakteur Ulrich Conrads, Darmstadt habe eher „zu viel als zu wenig Verkehrsfläche, aber am falschen Ort“. So erweist sich die Ausstellung als Plädoyer für eine differenzierte Auseinandersetzung mit der Stadt der Nachkriegsmoderne. Jürgen Tietz

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