Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Jörg WunderD

JAZZ

Andromeda Mega Express Orchestra in der Volksbühne

Schade, dass man das Berliner Andromeda Mega Express Orchestra nicht wie im letzten Jahr gleich wieder zum Jazzfest einladen konnte. Das 20-köpfige Ensemble knüpft an eine Bigband-Tradition an, die heute nur in der Nische des öffentlichen Rundfunks überleben kann. Von dieser Form der Alimentierung kann der 25-jährige Bandleader, Komponist und Tenorsaxofonist Daniel Glatzel indes nur träumen. Er muss sehen, wie er seine verstreuten Musiker zu Auftritten zusammentrommelt, zu denen dann manchmal, wie im Prater, eben nur 150 Besucher erscheinen. Aber dieses Projekt lebt vom Enthusiasmus aller Beteiligten. Glatzel gibt zu jedem Stück eine verhuschte Einführung, und ab geht die wilde Reise ins Land der Abenteuer. Die labyrinthisch verschlungenen Songs streifen französische Filmmusik der Sechziger, die kühle Jazz-Arithmetik von Charles Mingus, die Lounge-Futuristik von „Raumpatrouille Orion“ und den Groove des Bossa Nova. Mal kommt das Orchestra wie eine alte, rostige Maschine mit dem Schnaufen der gestopften Trompete zum Stehen, ehe der austretende Wasserdampf eines Reiskochers das Signal für eine furiose Coda gibt, die in zartestem Südsee-Gezirpe ausklingt. Unglaublich das Arrangement für Thelonious Monks „Nutty“: ohne Piano, dafür von überwältigender Klangvielfalt und mit einem als gerupftes Huhn verkleideten Flötisten. Nicht nur in diesem Moment des begeisternden, zweistündigen Konzerts erobert das Andromeda Mega Express Orchestra das anarchische Potenzial eines reinen, kindlichen Spaßes zurück. Jörg Wunder

KLASSIK

Die Orchester-Akademie der

Berliner Philharmoniker

Der Beginn gehört der philharmonischen U21 (respektive E21) – und einem unbekannten Werk: Hans Krásas „Sinfonie für kleines Orchester“, komponiert 1923. Drei Sätze darüber, wie hintersinnig man sich der romantischen Tradition auch entringen kann. Im weiten Philharmonie-Halbrund nehmen die knapp 30 Stipendiaten der Orchesterakademie Platz, Streicher, Bläser, Schlagwerk, Celesta und Harfe, alle hoch konzentriert. Ein duftiges Geflecht hebt an, mal sprießt ein Geigensolo hervor, mal erheben die tieferen Register Einspruch, durchaus dissonant, nie verbohrt. Eine bunte MahlerBerg-Weill-Mischung dominiert den Marsch, bevor Eva Vogel das Rimbaud-Gedicht „Die Läusesucherinnen“ deklamiert, mit warmem Alt-Timbre und bestens textverständlich. Ein freudianisches Ende, ein bänglicher Blick in die Zukunft. 1944 stirbt Krása in Auschwitz.

Auftritt der Philharmoniker: Vor Brahms’ Zweite nach der Pause schaltet Simon Rattle Schönbergs erste Kammersinfonie in der Fassung für großes Orchester (1935). Jede aufmüpfige Leichtigkeit scheint in dieser Version verloren, Klangmassierung statt Transparenz, und plötzlich mutet dieser frühe freche Schönberg wie ein pervertierter Brahms an. Brahms selbst wiederum in seiner ach so „frühlingsblühenden“ D-Dur-Sinfonie gibt Rätsel auf: immer wieder schöne Aquarelltöne, ja geradezu psychedelische Trug- und Traumbilder. Aus welcher Notwendigkeit sich aber die Ausbrüche und Fortissimo-Fontänen dazwischen speisen, wird an diesem Abend nicht geklärt. Christine Lemke-Matwey

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