Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

THEATER

Irrlichter: „Leuchte Berlin, leuchte!“ im Theater an der Parkaue

Über Berlin brennt der Himmel. Doch die Passanten am S-Bahnhof Lichtenberg wissen nicht, was soll es bedeuten? Ist es ein hochhausgroßer Stern, der da am Heiligen Abend im Osten der Stadt aufscheint, oder ein außerirdisches Flugobjekt? „Leuchte Berlin, leuchte“ So ist das jüngste Stück von Lothar Trolle betitelt, das als Auftragswerk für das Theater an der Parkaue entstand und vom dortigen Oberspielleiter Sascha Bunge in Szene gesetzt wurde. Es ist eine Weihnachtsgeschichte der etwas anderen Art für Jugendliche und Erwachsene, ganz ohne Tannenbaumduft und Besinnlichkeitsflair, und sonderlich christlich geht es darin auch nicht zu.

Autor Trolle, der unter anderem mit der wuchtigen Mythos-Beackerung „Hermes in der Stadt“ Bekanntheit erlangte (uraufgeführt seinerzeit von Frank Castorf), schickt eine Ansammlung von Versprengten und Verlorenen aller Couleur in eine eher surreale als stille Nacht. Raum und Zeit befinden sich dabei in Auflösung, Weihnachtsbilder aus dem kriegszerstörten Berlin steigen ebenso auf wie politaktuelle Exilmotive. Maria und Josef wandern hier als palästinensische Flüchtlinge aus dem Lager Dschenin auf einer Via Dolorosa, die über seltsame Wendungen zur Niederkunft nach Lichtenberg führt. In Trolles so sperriger wie poetischer Sprache, die zwischen Asphalt und höheren Sphären oszilliert, entsteht ein vielstimmiges Krippenspiel für vom Glauben abgefallene Sinnsucher.

Regisseur Bunge beweist, zusammen mit einem furios eingespielten, immer wieder auch als Chor auftretenden Ensemble, ein tolles Gespür für den nachtschwarzen Humor dieses Stücks (wieder am 2. und 3. um 19 sowie am 4. 12. um 18 Uhr). Patrick Wildermann

OPER

Libellenflüge: „Anaparastasis“  in der Gemäldegalerie

Der Verein heißt zwar „Zeitgenössische Oper Berlin“, doch der Name behauptet eine Gewissheit, die nicht existiert. Was eine Oper ist, eine zeitgenössische zumal, erkundet die Truppe in jeder Produktion neu. Das Projekt „Anaparastasis“ (Regie: Sabrina Hölzer) erforscht die Wirkung von Klang im Raum. Während sich die Besucher in der dreischiffigen Wandelhalle der Gemäldegalerie frei bewegen, lauschen sie einem jahrhundertealten chinesischen Choshi (Vorspiel), bei dem einzelne Töne von Akkordeon (Stefan Hussong) und asiatischer Mundorgel (Wu Wei) wie Libellen in der Luft schweben, sich vereinigen, wieder auseinandergehen, sich verlieren.

Die Räume der Gemäldegalerie liegen im Dunkeln, ausgesuchte Werke sind angestrahlt, was eine enorme Wirkung hat. Die christliche Ikonographie behauptet Sinnzusammenhänge, während die asiatischen Klänge die Überwindung von Wollen, die Leere, das Nichts ausdrücken. Bei „Anaparastis“ („Wiederaufführung“) des griechischen Komponisten Jani Christou (1969) erschaffen Sänger und das Ensemble Kaleidoskop eine klangliche Kreisbewegung und zugleich eine Atmosphäre von Panik vor der ewigen Wiederkehr.

Gesang, ein wesentliches Element von Oper, tritt erst am Ende hinzu: in der Motette „spem in alium“ von Thomas Tallis (16. Jahrhundert) für 40 Stimmen des Kammerchors Consortium Vocale Berlin, aufgeteilt auf acht Chöre, die den Klang nach und nach weitertragen. Oper an ungewöhnlichen Orten ist nichts Ungewöhnliches, in der Intensität der Auseinandersetzung mit dem Raum übertrifft dies jedoch viele andere Produktionen in Berlin (wieder am 8. und 9. 12., 21 Uhr). Udo Badelt

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