Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

H.P. DanielsD

POP

Ruhe bewahren und weiterrocken: die Stereophonics im Astra

Da wird nicht lang gefackelt. „Good evening, Berlin!“, sagt Kelly Jones, Frontmann der Stereophonics, und los geht’s. Und wie es gleich losgeht, schnelle achtelig geschraddelte Gitarren, Bass und Schlagzeug, und unauffällig sitzt hinten noch einer an den Tastaturen. Ein dichter, brillanter Klang breitet sich aus im Astra, und plötzlich taucht aus hypnotischer Monotonie eine Melodie auf. „Live ’N’ Love“ ist ein neues Stück der Waliser Band von ihrem jüngsten, im November erschienenen Album „Keep Calm And Carry On“. Wunderbares Motto: Ruhe bewahren und weitermachen. Die Stereophonics sind einfach cooler als ihre nervös überdrehten Kollegen von Oasis. Und sie machen weiter, gehen auch mal weit zurück in der eigenen Historie, bis zum ersten Album von 1997, „Word Gets Around“. Alles fügt sich trefflich zusammen, die Kraft und die Herrlichkeit von „Uppercut“, der himmlische Wohlklang von „Stuck In A Rut“, das wilde Wah-Wah-Gitarrensolo von „Superman“, der Spaß, in „Bartender And The Thief“ kurz Lemmy von Motörhead zu zitieren: „The Ace Of Spades“. Für die bluesige Raspeligkeit seiner herausragenden Balladen hat sich Kelly Jones viel vom frühen Rod Stewart und vom Free/Bad-Company-Sänger Paul Rodgers abgeschaut. Was für ein Vergnügen, dass man eine derart exzellente, perfekt aufeinander eingespielte Band statt im Stadion noch an so einem kleinen Konzertort genießen kann. H.P. Daniels

OPER

Verweile doch, du bist so schön: „Aura“ in der Volksbühne

Wie komponiert man die „Erscheinung einer Ferne“? Walter Benjamins Aura-Definition schwebt unausgesprochen, aber wie ein kompositionsästhetischer Leitfaden über José María Sánchez-Verdús Musiktheaterwerk von 2009: um die vage Andeutung des Abwesenden geht es – bei „Aura“, der Hauptproduktion des diesjährigen Ultraschall-Festivals speist sich diese vor allem aus der Herkunftsverschleierung von Klang und Geschehen. Felipe verfällt der Erscheinung der hübschen Aura. Dass das Mädchen nicht real, nur Gedankenprojektion ihrer sterbensalten Tante Consuelo ist, begreift er zu spät. Was als erotische Geschichte in Anlehnung an Carlos Fuentes’ Novelle beginnt, deutet Regisseurin Susanne Øglænd in der Volksbühne als archaisches Spiel um die Erkenntnis der eigenen Vergänglichkeit. Die Musik in ihrer fiebrigen Affekt-Ästhetik à la Ligeti unterstreicht die Unergründlichkeiten der Handlung. Wenn Sánchez-Verdú die musikalische Leitung selbst übernimmt, produziert sein konzentriertes Dirigat im einsehbaren Orchestergraben permanent akustisch- optische Täuschungen. Blech, elektrische Sinustöne, Gongs und Stimmen, all das verschmilzt mit der Darbietung des Kammerensembles Neue Musik Berlin. Die Sänger stottern und stöhnen mehr, als dass sie singen, in den wenigen kantablen Passagen überzeugen Sarah Maria Sun und Andreas Fischer mit viel Gestaltungsgespür im Kosmos dieser gestaltlosen Nichtmelodik. Daniel Wixforth

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