Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Pollman

KLASSIK I

Aufstieg

zum Olymp

Dem in romantischer Opulenz Schwelgenden mögen musikalische Miniaturen vorkommen wie Gartenzwerge. Stücke von zweiminütiger Dauer, kleine Appetithäppchen – und mehr nicht? Aber in der Neuen Musik werden aus Zwergen funkelnde Skulpturen, die man von allen Seiten betrachten kann, ohne sie als Ganzes aus den Ohren zu verlieren. So ist die zeitgenössische Musiksprache bei Miniaturen von Anton Webern oder György Kurtág ganz bei sich, sie entfaltet ihr expressiv-skulpturales Potenzial und geht den Problemen, die größere Formen mit sich bringen, aus dem Weg.

Auch die „Fünf Bruchstücke“, die das Porträtkonzert des jungen Komponisten Jörg Widmann , Fellow im Berliner Wissenschaftskolleg , eröffnen, haben diese Qualität. Klanggesten werden im Raum greifbar, Töne brechen sich zu neuen Farben. Qualitäten, die sich mit zunehmender Länge der Stücke leider verflüchtigen, wie dann in Widmanns erstem Streichquartett oder seiner „Fieberfantasie“ schmerzlich zu erfahren ist. Sein brillantes Klarinettenspiel und das hochkonzentriert agierende Minguet-Quartett vermögen den dann doch recht formlosen Aneinanderreihungen abgegriffener Klanggesten wenig Spannung abzuringen. Im September, kündigt Widmann an, wird in Hamburg von ihm ein riesenhaft besetztes Werk von zweistündiger Dauer aufgeführt. Ob man dem jungen Komponisten mit derart olympischen Aufträgen einen Gefallen tut, wird man sehen. Erst in einigen Jahren mag sich zeigen, ob Widmann ein Profiteur oder doch eher ein Opfer des Medien-Hypes ist, der im Moment um ihn veranstaltet wird.

KLASSIK II

Reise nach

Jerusalem

Wohin führt die künstlerische Reise des Rias-Kammerchors ? Von den Dirigenten Uwe Gronostay und Marcus Creed zu einem funkelnden Juwel der Berliner Musikszene geschliffen, hält das Ensemble derzeit seinen Glanz unter einem Grauschleier zurück. Das schließt nicht aus, dass der Chor als professionelles Instrument weiterhin funktioniert. Ob sich jedoch unter seinem neuen Leiter Daniel Reuss eine neue Ära auftun wird, bleibt zweifelnd abzuwarten. Das betrifft auch die Programme. So hat sich im letzten Herbst eine zeitgenössische Chinoiserie, die, Goethe mit Silk & Bambo verquickend, Weltmusik sein wollte, als musikalischer Unsinn erwiesen. Die Zukunftsplanung verspricht indes Projekte mit René Jacobs (Händel, Telemann), dazu Moderne. Dazwischen liegt ein Konzert, dessen Vortragsfolge Stückwerk ist.

Die „Lamentatio Jeremiae Prophetae“ bezeichnet einen Höhepunkt im Schaffen Ernst Kreneks. Es ist ein A-cappella-Zyklus über die Klagelieder des Jeremias von 68 Minuten Dauer, aus dem uns im Kammermusiksaal der Philharmonie eine der insgesamt neun Lektionen geboten wird. Der Textrefrain „Jerusalem, Jerusalem . . .“ hängt in der Luft, weil seine Beziehung zu den anderen acht Teilen fehlt. Ein Kostpröbchen! Vorher spielt die noble Akademie für Alte Musik Haydns Sinfonie Nr. 102, deren Interpretation unter Maestro Reuss kaum mehr als Vollzug zu nennen ist. Interessant dagegen die Begegnung mit den „Sieben letzten Worten unseres Erlösers am Kreuze“ von Haydn. Nach dem Satz über den Tod Jesu entfesseln die Musiker einen dramatischen Sturm, der an Bachs Matthäuspassion erinnert. Sybill Mahlke

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