Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Clewing

KUNST

Die Narren sind los

und sie malen die Wahrheit

Als Jean Dubuffet nach dem Zweiten Weltkrieg das künstlerische Credo der Art Brut formulierte, meinte er, die Maler müssten malen wie Kinder oder Geisteskranke. Denn nur die von Rationalität unerreichten Geister würden zu jener Eigentlichkeit des Ausdrucks zurückfinden, die der aufgeklärte, abgestumpfte Mensch eingebüßt habe. In der Kirche St. Mat thäus am Kulturforum ist derzeit zu besichtigen, was geschieht, wenn dieser Fall tatsächlich eintritt. Unter dem Titel „Meine Welt“ stellt die 4. Kunst-Bien nale der Art Brut Werke von Künstlern vor, die eine psychische Erkrankung erlitten haben. Doch das Erste, was in dieser vom Wichernheim-Verein aus Frankfurt an der Oder organisierten Ausstellung auffällt, ist ihre Unauffälligkeit. Die Künstler stammen aus Brandenburg, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern, sie arbeiten in Kliniken, Heimen oder bei sich zu Hause – aber in ihrer Krankheit zu erkennen geben sich die Teilnehmer dieser besonderen Biennale nicht.

Die Bilder eines Wolfgang Lechner (Jahrgang 1947) aus Linz an der Donau, die Gemälde des Berliners Jörg Schlotterbeck, (Jahrgang 1966) oder die Collagen der jüngsten Biennale- Künstlerin Susanne Vasic (Jahrgang 1980) aus Berlin mögen zwar an Vorläufer aus der Kunstgeschichte erinnern – aber das wäre auch schon ihr einziges Manko. Ansonsten strahlen die Werke eine erstaunliche kreative Kraft aus. Die überbordenden Krippenbasteleien des ehemaligen Tierpflegers Horst Krüger aus Nauen (Jahrgang 1936) oder die Zeichnungen von Peter Kowalewski (Jahrgang 1961) und Hans Broschei (Jahrgang 1960) – bei keinem dieser Künstler würde man stutzig werden, ihren Arbeiten in einer „normalen“ Kunstausstellung zu begegnen. Selten hat eine Schau den Verstand so irritiert – und das Gemüt so erheitert.

St. Matthäus-Kirche, Kulturforum (Tiergarten) bis 20. Juni, Di–So 12–18 Uhr

KLASSIK

Ein Eigenbrötler

im Meeresrauschen

Sicher: Dominique A ist nicht Motörhead. Er steht nicht im Ruf, Gitarren zu zertrümmern. Doch die gediegene Atmosphäre der UFA-Fabrik , halb Theatersaal, halb Konzertbühne, hat er auch nicht verdient. „Eigentlich ist es hier rauchfrei“, sagt die Ansagerin verlegen. Manche geben ihr Sitzplatzrecht auf, um unter Protest der Sitzengebliebenen den gespenstisch wirkenden Bühnenvorraum zu bevölkern. Schüchtern schieben sich Nebelschwaden zwischen Bühne und Parkett.

Dominique A , Gründervater des Nouvelle Chanson Francaise, bleibt von all dem unberührt. Ganz allein, nur mit Gitarre und Synthesizer bestückt, steht er auf der Bühne. Sein wuchtiger Körper verrät kein Entgegenkommen, unter seinem massiven kahlen Schädel treten skeptische, sanftblickende Augen hervor. Wie ein besessener Chemiker, der in seinem Labor auf der Suche nach neuen Verbindungen alles um sich herum vergisst, werkelt er an seiner Gitarre herum.

Er beginnt klassisch, Gesang vor Meeresrauschen, dazu zwei schmale, gehämmerte Akkorde, die in ihrer Beharrlichkeit bald verstörend wirken, sich ausweiten zu verspielten Elektrosounds, um sich schließlich in technoiden Klanggewittern zu entladen. Dann findet er zurück zum Sanft-Melodischen des Chansons, so wie wir ihn kennen, ganz klassisch bleibt seine Interpretation von „Le courage des oiseaux“, dem Hit, mit dem er vor zehn Jahren das versteinerte Pathos des französischen Liedes unterwanderte und die Ära der „Nouvelle Scène Francaise“ einläutete. Eigensinnig und in sich gekehrt baut Dominique A sein eigenes Klanguniversum um sich herum auf. Unvermittelt wie er gekommen ist, geht er auch wieder. Ein scheues „Danke“ am Schluss, dazu ein verschämtes Winken. Er wirkt wie ein Fremdkörper im Popbusiness, in dem alles auf die effekthascherische Pose, den schnellen Konsens mit dem Publikum aus ist. Fasziniert und ratlos lässt er sein Publikum zurück. Thomas Thiel

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