Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Amling

KLASSIK

Eine Sternstunde

der Kammermusik

Kammermusik ist eine intime Angelegenheit. Intim ist ihre Zuhörerschaft, um nicht zu sagen klein. Intim fallen zumeist die Beifallsbekundungen aus, um nicht zu sagen zurückhaltend. Und mit dem sinnlichen Erleben von Musik hat die Intimität von Kammerkonzerten nicht zwingend etwas zu tun. Wenn aber nach Janaceks Streichquartett „Intime Briefe“ vor einem orkanartigen Applaus ein staunender „Phänomenal“-Ruf durch den Kleinen Saal im Konzerthaus eilt, dann erlebt die Kammermusik eine Sternstunde. Wann ist in Berlin zuletzt ein Ensemble für seine Kompromisslosigkeit so gefeiert worden wie das Hagen Quartett an diesem Abend? Janaceks Streichquartette führen die Salzburger mit Verve in Räume jenseits jeder Sentimentalität. Auch die verborgensten Konflikte, die kleinsten Erschütterungen in der Partitur werden offen ausgetragen, ohne dabei die gespannte Emotionalität in Exhibitionismus umschlagen zu lassen. Die Balance, die die Hagens selbst in stürzenden Linien finden, die Focussierung der Stille nach dem Abbrechen einer Phrase, das Selbstbewusstsein jedes Bogenstrichs – das alles ist eine Klasse für sich. Man kann Leoš Janacek melancholischer, tschechischer, erdiger spielen, moderner wohl nicht. Mit dieser konzentrierten, bewegenden Seelenmusik im Ohr, klingen viele zeitgenössische Komponisten ältlich. Der Jubel stimmte das Hagen Quartett nicht milde: In Smetanas Quartett „Aus meinem Leben“ atmeten sie das Herbe, die Wahrheit, das Gegenwärtige. Wirklich: ein intimer Abend.

BILDENDE KUNST

Fernsehen, Computer und

ein Koffer voller Diebesgut

Das Insekt ruht direkt im Eingangsbereich. Es ist fast vier Meter lang, die haarigen Beine liegen schlapp am Boden. „Innerer Schweinehund“ heißt die Skulptur aus verfilzten Menschenhaaren und Schafwolle von Birgit Dieker, die zum Auftakt der Ausstellung Werkstatt Junge Akademie mit Stipendiaten und Gästen einen Blickfang setzt. Zum dritten Mal hat die Berliner Akademie der Künste mit Ausstellung, Filmprogramm und Lesungen fast dreißig Nachwuchskünstler zur langen Nacht eingeladen. Wobei der von Akademiepräsident Adolf Muschg geäußerte Wunsch vom „Sturm auf die Akademie“ auch diesmal unerfüllt bleibt. Die Auswahl ist denkbar heterogen: von Wandbildern, Installationen und Videos bis zu Projekten des Berliner Architekturbüros Modersohn & Freiesleben, die Träger des „Förderungspreises Baukunst“ sind. Da fesselt die Rauminstallation „Flur“ von Alexandra Ranner, die mit gespiegelten Projektionen den Blick auf einen fernsehenden Mann eröffnet. Ganz versunken sind auch die Jugendlichen am Computer, deren Gesichter die Holländerin Katrin Korfmann gefilmt hat. Es gibt auch echte Entdeckungen wie den Franzosen Renaud Auguste-Dormeuil. Er thematisiert Überwachungs- und Sicherheitssysteme und Versuche, ihnen zu entfliehen. Der 1975 geborene Bulgare Ivan Moudov hat in bester Fluxus-Tradition für seine „Fragments“ bei großen Ausstellungen kleine Stücke mitgehen lassen: einen ausgestopften Vogel aus einer Installation von Annette Messager, ein Dia von Douglas Gorden, ein Foto von Wolfgang Tillmans. Katrin Wittneven

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