Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Pollmann

KLASSIK

Chaos im

Zeitraffer

Verwundert reibt sich das Publikum im Konzerthaus die Augen, sucht die Bühne nach dem Orchester ab, das es da zu hören glaubt. Aber gerade einmal 15 Musiker sitzen auf dem Podium, sie spielen Schönbergs erste Kammersinfonie von 1907, ein Initialstück der Moderne, und ein perfekt instrumentiertes dazu. Nichts hat dieses Werk von seiner Frische eingebüßt, klassische Komponiertradition verdichtet sich hier, erhitzt von dem unbedingte Willen, neues zu schaffen, zu einem Vlies durchtränkter Klänge. Tradition und Moderne pulsieren mit- und gegeneinander. Das Ensemble Modern , von Lothar Zagrosek traumwandlerisch sicher geleitet, genießt sichtlich das kontrollierte Schwelgen der Klänge, auf das die Musiker in Neuer Musik sonst oft verzichten müssen. Passend zu solcherart glanzvollem Instrumentalspiel bietet der Abend auch gleich Gesang auf höchstem Niveau. Die Sopranistin Claudia Barainsky glänzt als exaltierte Verkünderin von Chaos und Untergang in der Opernparaphrase „Mysteres of the Macabre“, die Elgar Howarth aus Teilen der Ligeti-Oper „Le grand Macabre“ zusammengestellt hat. Von verschwörerischem Flüstern bis zu glasklaren Koloraturen zieht sie im Zeitraffer alle Register. Eine Notlösung war diese Kurzfassung zuerst, denn eine Aufführung der Oper konnte aufgrund von Sängerausfällen nicht stattfinden. Von einem Glücksfall sprach Ligeti später, und das Publikum im Konzerthaus ist ganz seiner Meinung. Vielleicht wird das kurzweilige Operndestillat das Original überdauern, das ja nach Ligetis eigener Aussage nicht zu seinen gelungensten Werken zählt.

* * *

POP

Poloshirt im

Schummerlicht

Wenn Chris Eckman mit den „Walkabouts“ auftritt, ist die Bühne vollgestellt mit den unterschiedlichsten Instrumenten, Gerätschaften, und jeder Menge Musikern. Diesmal kommt er allein. Der Aufbau im kleinen Magnet wirkt spartanisch. Ein Gitarrenkoffer, zwei rustikale Holzstühle, ein kleines Keyboard. Losetextblattsammlung auf einer Bierkiste. Stimmgerät, Kapodaster. Mittendrin sitzt Eckman mit seiner schwarzen Takamine-Akustikgitarre, fast unauffällig, in dunklem Polohemd zu Jeans unter blaurotem Schummerlicht. Er habe gerade ein Soloalbum veröffentlicht, sagt er, „The Black Field“, und deswegen sei er heute alleine hier, um ein paar Songs davon zu singen. Aber erstmal etwas von den Walkabouts: „The Stopping-Off Place“. Dunkelheit. Sparsame Mollakkorde. „Restless“ kommt langsam und schwer. Melancholisch gefärbt von dieser nebeligen Baritonstimme, die immer ein bisschen an Leonard Cohen erinnert. Zwischen verhaltenem Hauchen und scheuem Knurren. Weil das Publikum so freundlich sei, sagt der Songwriter aus Seattle, wolle er mal wagen etwas zu spielen, was er sonst nie spiele. Es geht um eine sterbende Stadt, eine vergessene Beerdigung. Eckman lächelt: Ja, sie seien wirklich freundlich und still. Wenn nur die Klotüre nicht immer so laut knarzen würde. Ein Song am Keyboard und wieder zurück zur Gitarre. „Any requests?“ Keiner sagt etwas. Seine Fans sind ähnlich schüchtern wie Eckman selbst. Keine Brüllaffen. Das lässt ihn auftauen. Seinen Idolen Townes Van Zandt, Johnny Cash und Mickey Newbury, die alle kürzlich gestorben sind, widmet er den alten Country-Hit „Satisfied Mind“. Und am Ende eine bis aufs Gerippe reduzierte Version von Willie Nelsons „Funny How Time Slips Away“. Schnell vergangen die 75 Minuten, die 16 Songs eines ruhigen, fast privaten Konzerts. Keine Sorge, sagt Eckman, nächstes Mal komme er wieder mit den Walkabouts. H.P. Daniels

* * *

LITERATUR

Bankier

ohne Geld

Richard A. Bermann schrieb die Films der Prinzessin Fantoche unter dem Pseudonym Arnold Höllriegel 1913 angeblich innerhalb von fünf Tagen. Anlass soll eine Wette gewesen sein, man könne keinen Roman über das Filmmilieu schreiben. Höllriegel hat gezeigt: Es geht – und wie! Ein Bankier wird von einer hübschen Dame, die sich Prinzessin Fantoche nennt, ausgeraubt und die Polizei von der Räuberin immer wieder hereingelegt. All das wird heimlich auf Film gebannt und in wöchentlichen Folgen einem belustigten Kinopublikum dargeboten. Verfolgungsjagden, Verwechslungskomödie und Liebesgeschichte hat Höllriegel geschickt miteinander verquickt. Später schrieb er noch zwei weitere Filmromane, eine Biografie von Charlie Chaplin und mehrere Drehbücher. Nebenbei kann man in den „Films“ übrigens auf einige kuriose Wendungen stoßen,etwa diese: „Es wäre riskiert gewesen, die Gefangene durch die erregte Menge zu transportieren.“ Tobias Lehmkuhl

Arnold Höllriegel: Die Films der Prinzessin Fantoche. Roman. Aviva Verlag, Berlin 2004. 157 S., 12,50 €.

* * *

KUNST

Ethos

ohne Pathos

„Ethos und Pathos“ hieß 1990 die letzte große Ausstellung von Werken der Berliner Bildhauerschule im Hamburger Bahnhof. Das saß – und stand für die Rehabilitation einer ganzen Kunstgattung. Nun titelt eine Schau im Märkischen Museum zum selben Thema etwas verschämt Von Schadow bis Begas. Kostproben aus der Skulpturensammlung des Stadtmuseums . Auch ihre achtzig Werke arbeiteten sich an großen Gefühlen ab. Nur passt in den Keller des Märkischen Museums selten mehr als Kleines. Statuetten als Reduktionen von Denkmalskulpturen etwa machen Biedermeiers Verniedlichungswahn physisch spürbar: Christian Daniel Rauchs Blücher-Standbild für die Kommode. Ethos und Pathos schrumpfen zu Nostalgie und Sentiment. Die Ausstellung enthält sich aller Thesen. Zur heroischen Leistung gerät jedoch ihr Anlass: ein Bestandskatalog der zwischen 1780 und 1920 entstandenen Bildwerke. Das Stadtmuseum besitzt rund 600 vollplastische Skulpturen, Reliefs, Totenmasken, allerhand Bauschmuck. Darunter befindet sich Bedeutendes wie Originalteile der Quadriga vom Brandenburger Tor. Den von Jörg Kuhn eingeleiteten, mit Registern und Abbildungen reich ausgestatteten Band finanzierte die Kölner Letter Stiftung (im Museum 32 €, im Buchhandel 65 €). Ihr bislang anonymer Gründer fühlt sich der deutschen Skulptur des 19. Jahrhunderts verpflichtet. Ethos ganz ohne Pathos. Michael Zajonz

Am Köllnischen Park 5, bis 29. August, jeweils Dienstag bis Sonntag 10 – 18 Uhr

0 Kommentare

Neuester Kommentar