Kultur : KURZ & KRITISCH

Christiane Peitz

FILM

Keine Zeit

für Trauer

Das Leben, das einer verpasst hat, ist ein prima Sujet fürs Kino: Da braucht sich ein in die Jahre gekommener Held nur seufzend zu erinnern. Um ein Haar wäre alles ganz anders gekommen, besser, bunter, aufregender. Manchmal macht es sich das Kino leicht bei diesen Anleitungen zum Unglücklichsein: ein paar Rückblenden, dazu die zartbittere Melancholie des Alters und eine späte Flucht, die den Helden mit seinem Schicksal irgendwie doch noch versöhnt.

Der 36-jährige Filmemacher Zhu Wen, Angehöriger der jüngsten, die Zensur kompromisslos ignorierenden Regiegeneration, erzählt diese klassische Story in South of the Clouds auf seine Weise. Dass sich der frisch pensionierte Fabrikarbeiter Xu Daquin (Li Xuejian) sein Leben lang nach dem Süden sehnte, erfährt man erst gegen Ende. Da ist Xu längst in die Provinz Yunnan gereist, in die es ihn 40 Jahre früher fast verschlagen hätte. Prompt verwandelt sich der Ort seiner Träume durch einen dummen Zufall in den Schauplatz eines grotesken Albtraums.

Bis dahin sehen wir einen unauffälligen, in seiner Langsamkeit mitunter komischen Alten, der morgens durch die Industrielandschaft joggt und Schildkrötengymnastik betreibt. Wir sehen einen um sein Glück betrogenen und doch nicht verhärmten Alten, der die Fitnessstudio-Pläne seiner Tochter mit wohlwollendem Befremden begleitet. Und wir sehen die gemächliche Gangart eines Films, der ohne Musik auskommt und seinen Schauwert der Genauigkeit abgewinnt, mit der er die Entfremdung bis in ihre kleinste Spur hinein registriert.

Regisseur Zhu Wen, der 2002 auf dem Berlinale-Forum mit „Seafood“ debütierte und dieses Jahr mit „South of the Clouds" erneut dort zu Gast war, destilliert das Unverwechselbare aus dem Gewöhnlichen. Dieser Xu ist einfach einzigartig. Wegen seiner linkische Neugier in der Fremde, der verlegenen Höflichkeit und der Sturheit, mit der er auf seinem Recht beharrt, als er wegen einer verzweifelt sich aufdrängenden Prostituierten zu Unrecht auf der Polizeiwache landet. „South of the Clouds“ ist auch aberwitzige Farce auf Chinas Bürokratie, samt müßigen Männern in Uniform.

Die Schlusseinstellung zeigt das bestürzte Gesicht des Alten – und das Bild gefriert, am Ende eines bestürzenden Films, der mitten im übervölkerten China menschenleere Orte entdeckt, leere Restaurants, Hotels und leere Existenzen.

In Berlin nur im fsk (OmU)

TANZ

Keine Zeit

für Zeichen

Wer versucht, durch den eigenen Kopf zu spazieren, kann sich leicht verirren. Im „Mindgarden“, den Jochen Roller und seine sechs Tänzer im HAU 3 durchwandern, soll es eigentlich übersichtlich zugehen. Überall scheinen Wegweiser, Pfeile, Schrifttafeln angebracht. Doch vor lauter Zeichen geht erst recht die Orientierung verloren Wie schon im hochgelobten „Perform Performing“ untersucht Jochen Roller, wie eine Choreografie entsteht. Am liebsten würde er den Weg von der Bewegung bis zur auslösenden Vorstellung zurückverfolgen. Denn dass Tanzen und Denken zusammenhängen, gilt für ihn als ausgemacht. Aber wie? Bei Roller scheint das Choreografiezentrum im Gehirn direkt dem Sprachzentrum benachbart (was ist mit dem Lustzentrum?). Martin Nachbar ist es dann, der skurrile Wörter in den Raum wirft. Doch der Tanz funktioniert nun einmal nicht wie Sprache.

Die Tänzer sind davon besessen, Bedeutungen zu produzieren. Das führt aber nur zur Konfusion. Was der Tanz allerdings kann, ist, Kraftfelder zwischen den Akteuren schaffen. Und vielleicht auch Räume entstehen lassen, die auf reale Orten verweisen. Zu Beginn der „semiotischen Schnitzeljagd“ werden Routen durch die Stadt in Bühnentänzen nachempfunden, doch die Tänzer wirken oft wie hektische Schülerlotsen. So wie Martin Nachbar, wenn er sein Zimmer vertanzt und zwischen Bett und Stehlampe steckenbleibt.

Die Versuche, das Tanzen zu intellektualisieren, führen letztlich in die Sackgasse. Am Ende schließen alle ihre Augen und lassen allein ihre Gedanken tanzen. Nun sind sie angekommen in ihrem Gärtchen. Der lakonische Witz, für den Roller bekannt ist, bleibt in „Mindgarden“ auf der Strecke. Zu viele Schilder!

Sandra Luzina

Nochmals am 23.5., 20 Uhr im HAU 3

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