Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Pollmann

ORCHESTERMUSIK I

Griff nach

den Sternen

Olivier Messiaen liebte die Berge, oft zog er sich zum Komponieren in die Alpen zurück. Ob der strenggläubige Komponist morgens aus dem Fenster guckte, um zu sehen, ob sein Glaube Berge versetzen kann, ist nicht überliefert. Besonders angetan hat es ihm jedenfalls der Bryce Canyon im amerikanischen Utah. In seinem Orchesterwerk „Des canyons aux étoiles“ (Von den Canyons zu den Sternen) verwebt Messiaen seine Eindrücke der gewaltigen Schluchten mit religiösen Vorstellungen von Unendlichkeit und Auferstehung. Das Orchester besetzt er mit reichlich Bläsern und Schlagzeug nebst Soloklavier, aber wenig Streichern. Es entwickelt so, der Streicherfülle beraubt, einen glasklaren, direkten, geradezu harten Klang, vom Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter Marek Janowski im Konzerthaus ausbalanciert in Szene gesetzt. Umrankt werden diese Bildnisse absoluter (und sehr katholischer) Glaubensinhalte von vielfältigen Vogelstimmen, die Messiaen mit ornithologischer Sorgfalt studiert hat. Jean-François Heisser lässt sie elegant über die Tasten gleiten. Leider reißt er am Ende jeder Phrase manieriert die Hände vom Klavier und verleiht ihnen so einen Expressionsgestus, der schnell ermüdet und nicht zum Werk passt.

ORCHESTERMUSIK II

Luft von

anderen Planeten

Dmitri Schostakowitsch, geschlagenes Kind des sowjetischen Kulturbetriebs, besaß gewiss sphinxhafte Züge. Doch wenn er sich im Katz-und-Maus-Spiel mit den Funktionären immer wieder hinter platten Deutungen und Selbstkritik versteckte: auf der Ebene der musikalischen Logik wirken seine Werke wohl oft emotional zerissen, aber kaum uneindeutig. Vielleicht war es nun das Anliegen von Vladimir Ashkenazy und Bernhard Hartog beim Konzert des Deutschen Symphonie-Orchesters in der Philharmonie , bei einem unproblematischen Werk wie dem 2.Violinkonzert wohlfeile Unmissverständlichkeit zu vermeiden. Die Dialogangebote des Orchesters an den Solisten schien Hartog so lediglich zu quittieren, während Ashkenazy wiederum jedes rhetorische Sich-Aufdrängen vermied. Dennoch kam der Eindruck auf, dass Hartog bei diesem rätselhaften Spiel letztlich der Gefahr erlag, sich mit seinen Figurationen in einen Kokon einzuspinnen.

Unklar blieb auch die Motivation von Colin Matthews neu komponiertem „Pluto“, der wie eine Kurzbeschreibung unter Gustav Holsts prächtigem Breitwand- Tongemälde „The Planets“ prangte; den „Fröhlichkeitsbringer“ Jupiter aber präsentierte Ashkenazy lustvoll, als wäre er sein Aszendent. Carsten Niemann

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