Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Amling

KLASSIK

Hier lodert

jeder Blick

Dunkel, wie aus einem alten Pergament, entrollt sich mit Händels „Belshazzar“ ein Bild vom ewigen Kreislauf menschlicher Herrschaft: vom Aufstieg zur Macht und dem folgenden moralischen Verfall aller Reiche dieser Erde. Der Geruch von Fäulnis dringt aus Babylons Palast in die Philharmonie – mit der bangen Frage nach dem Reifegrad unserer Gesellschaft. Dass dies keine rein rhetorische Geste bleibt, ist der Triumph von Nikolas Kraemer, einem Experten für Alte Musik, der nun bei den Berliner Philharmonikern debütierte. Elegant und präzise, sprechend ohne zu dozieren formt er vom Cembalo aus einen strahlenden, lichten Klang – als wolle er eine Fackel in das Dunkel der Menschheit tauchen. Der Rias-Kammerchor, geweckt aus leichtem Schlummer im eigenen Wohlklang, rauscht zu bewegender Klangmacht auf. Ein feinnerviges Kammerspiel entspinnt sich zwischen John Mark Ainsleys heißkaltem Belshazzar und seiner Mutter Nitocris, berührend gesungen von Susan Gritton. Hier lodert jeder Blick, brennt jede Phrase. Gottes Eingreifen dagegen wird diskret behandelt: Kraemer braucht ihn nicht, den Menetekel-Theaterschauer. Die Zeichen stehen längst an jeder Wand (noch einmal heute, 20 Uhr).

* * *

OPER

Heiß finden’s

nur die Eskimos

Da kauert er in seinem Hotelzimmer, einem Käfig fast, der einst so souveräne Mr.Emmet. Ihm wird immer heißer, schweißüberströmt fleht er die Rezeption an, doch die Zimmertemperatur zu senken. Dann erstarrt er: Ein riesiger Eskimo steht vor ihm, das Zimmer sei kühl, sagt er, gegen innere Hitze könne das Personal nichts ausrichten. Eins von vielen Bildern, die der englische Komponist Peter Maxwell Davies unter dem harmlosen Titel „Mr. Emmet takes a walk“ zu einem beklemmenden Kaleidoskop des Lebens eines äußerst korrekten, Melone tragenden Angestellten verwebt. Im Grunde sind es die Dinge des Lebens, die an ihm vorüberziehen, denn Mr. Emmet setzt diesem auf einer Bahnschiene ein Ende. Das drängt sich dem Zuschauer im Saalbau Neukölln aber nicht auf, denn das Libretto von David Pountney lässt ihm die Wahl, ohne ins Unverbindliche abzugleiten. Vor allem mit der zeitlichen Abfolge spielt der Text. Nachdem am Anfang zwei Gleisarbeiter ernst und sachlich ihre Pflicht bezüglich der Entfernung anfallenden Schmutzes einschließlich Blut besingen, lässt Mr. Emmet sein Leben vorüberziehen. Was war wichtig, was hasste er, richtig, eine Frau war auch mal im Spiel. Und die Firma, vor allem die Firma natürlich – musste leider nach Singapur auslagern. Dazu spielt das Orchester der Berliner Kammeroper eine Musik, die mit Zitaten und Klischees spielt und dennoch nie trivial wirkt. Nach den zahlreichen Kammeropern der letzten Zeit, die sich entweder mit zwei Stunden Höchstlautstärke Gewaltthemen widmen oder völlig ins Abstrakte verfallen („das Nichts im leeren Raum“), ist das eine Freude (wieder heute bis 31. Mai, 20 Uhr). Ulrich Pollmann

FILM

So kalt kann

Deutschland sein

Deutschland ist ein Einwanderungsland, das muss auch Otto Schily endlich einsehen. Zumindest täte ihm ein Blick auf diesen Film gut: Kleine Freiheit spielt in einem multikulturellen Hamburg, in dem Afrikaner, Türken, Kurden, Kroaten und Reeperbahn-Urgestein munter durcheinander wimmeln – unter gelegentlicher Beobachtung von gelassenen Streifenpolizisten. Yüksel Yavuz , der mit seinem schönen Debütfilm „Aprilkinder“ 1998 reüssiert hatte, erzählt die Geschichte einer Jungenfreundschaft: Der Kurde Baran und der Afrikaner Chernor leben beide ohne Eltern und Aufenthaltsgenehmigung in Hamburg und schlagen sich mehr schlecht als recht durch – der eine im Dönerlokal seines Onkels, der andere als Dealer. Unter den schwierigen Bedingungen der Illegalität versuchen sie, einander Familie und Heimat zu ersetzen, obwohl sie beide nicht so recht wissen, was das eigentlich ist. Fraglich, ob die labile Beziehung Konflikten von außen standhalten kann.

Mit unruhiger Handkamera und vielen Doppelbelichtungen, mit einem Spektrum blasser, verwaschener Farben hat Yüksel Yavuz ein Hamburg geschaffen, an dessen sterilen Oberflächen die Einwanderer quasi abprallen. Sie scheinen in einer Parallelwelt zu leben, die nichts mit Bürgerhäusern und teuren Geschäften zu tun hat, aber ebenso wenig mit Reeperbahn-Romantik oder pittoresker Altona-Gemütlichkeit. Auch vom Hamburg-Image seines preisgekrönten „Gegen die Wand“Kollegen Fatih Akin hält sich Yüksel Yavuz fern. Seine Einwanderer gehören nicht zu einer festen Szene, sie sind alle verloren und einsam. Ein sperriger, kalter, nordischer Film (in Berlin nur im Kino Rollberg). Daniela Sannwald

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