Kultur : KURZ & KRITISCH

Kerstin Decker

THEATER

Ich hab noch einen Koffer

in der Wüste

Eine allein auf der leeren Bühne – das ergibt schon eine Welt. Man braucht so wenig, um alles zu erreichen, fremde Länder eingeschlossen. Das Mädchen auf der Bühne (Regine Seidler) kann jedenfalls alles. Ein paar fasziniert-angststarre Blicke zur Seite abwärts, und „Lena im Flugzeug“ ist perfekt. Pauschal-All-Inclusive-Urlaub mit der Mutter: Weil man bei solchen Urlauben nicht mehr eigentlich in ein anderes Land kommt, sondern nur an einen anderen Set, erfahren wir nie den Namen des Landes. Nur, dass es weit weg ist. Mit ein paar malmenden Mundbewegungen wird aus Lena im Flugzeug ein Kamel in der Wüste. Das Grips-Theater- Stück ist für Menschen ab fünf. Die Kinder (und ihre Eltern) sind gebannt, denn sie sehen, was sie im Fernsehen fast nie sehen: was Fantasie vermag. Eine Creatio ex nihilo aus nächster Nähe.

Die Bühne ist wüstengelb, wüstenleer. Nur an der Seite steht ein Mann mit Xylofon, Martin Fonfara, der musikalische Mitschöpfer des Nachmittags. Das Mädchen knallt seinen roten Koffer auf den Boden und ruft: Arriva! Der Koffer ist ein letzter Gruß aus unserer Welt. Denn bald steht Lena allein in der Wüste, der Flughafen-Transfer-Bus hat sie vergessen. Dann kommt Ali, ein Wüstenjunge auf dem Fahrrad mit Sonnenschirm. Ali (Kenn Phillips) und Lena verstehen sich nicht. Und dieses Nicht-Verstehen ist höchst unterhaltsam. Es gibt kaum eine intensivere Unterhaltung als die zwischen zwei Menschen, die keine gemeinsame Sprache haben. Nur die Fantasielosen brauchen die Sprache, um einander etwas mitzuteilen. „Lena in der Wüste“ ist nicht eigentlich ein Stück, sondern ein Arrangement rings um eine Begegnung (Regie: Frank Panhans). Alles sehr aufklärerisch gemeint, aber das Schöne ist, dass man das gar nicht merkt. Wirklich wichtige Botschaften empfangen wir ohnehin unbewusst.

Grips-Theater in der Schiller-TheaterWerkstatt,Tel.39747477, wieder am 30., 31. Mai (16 Uhr) , 1., 17., 18. Juni (11 Uhr)

DISKUSSION

Topographie des Terrors und die Architektur der Erinnerung

Die Diskussion über „Erinnerungsorte erster und zweiter Klasse“ im Roten Salon der Berliner Volksbühne hatte Alice Ströver schon vor Monaten geplant. Gemeinsam mit dem Architekten Peter Zumthor sollte diskutiert werden, warum es zwei Kategorien von Gedenkorten gebe – solche, die wie das Holocaust-Mahnmal „mit viel Kraft und Geld geschaffen werden“, und andere, die „in den Mühlen der Senatsbürokratie einen langsamen Tod sterben“.

Mit dem Beschluss, sich von Zumthors Entwurf für die „Topographie des Terrors“ endgültig zu trennen, haben der Bund und das Land Berlin Strövers Kultursalon nun ungeahnte Aktualität verschafft. Zwar hatte Zumthor schon vor Bekanntgabe des Beschlusses abgesagt, dennoch wurde die Topographie an diesem Abend am heftigsten diskutiert: Wie konnte es passieren, dass ein solches Projekt jahrelang stillsteht? Wie konnte man sich auf einen Entwurf einlassen, der den Wünschen der Topographie-Stiftung von Anfang an widersprach? Die Antwort fällt je nach Temperament anders aus. „Wir wurden von Anfang an belogen, was die Machbarkeit des Entwurfs angeht“ (Christine Fischer-Defoy, Vorsitzende des Vereins Aktives Museum, der das Gelände zuerst erschlossen hat). „Wir haben zu lange geschwiegen“ (Günter Morsch, Leiter der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten und Stiftungsrats-Mitglied der Topographie).Oder auch: „Ein visionärer Architekt hat uns mit seinen Obsessionen überrannt“ (Hans-Erhard Haverkampf, neuer Geschäftsführer der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas). Die Frage, welche Form von Architektur an einem solchen historischen Ort angemessen, ja wünschenswert wäre, blieb leider auf der Strecke. Christina Tilmann

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TANZ

Mit barocken Arien

gegen die Wand

Er kann Hühner hypnotisieren. Er hat schon viele Autos zu Schrott gefahren. Er sieht eher wie ein Gebrauchtwagenhändler aus, nicht wie ein Tänzer. Koen Augustijnen ist Choreograf beim Künstlerkollektiv Les Balletts C. de la B. , Mitte der Achtziger von Alain Platel gegründet. Seine Produktion „bâche“ im HAU 1 mutet an wie ein Crashtest. Arien von Henry Purcell prallen auf zeitgenössischen Tanz, barocke Melancholie auf die Tristesse der Gegenwart. Es ist ein Männercamp, das Augustijnen heraufbeschwört, mit eigenen Regeln und Ritualen. Ihre Körper setzen die Akteure zunächst ein wie ein Auto, das schon öfter gegen die Wand gefahren wurde.

Die vier halten sich alles vom Leib – über die von Steve Dugardin wunderbar vorgetragenen Arien möchten sie hinwegturnen. Doch die Macht der Musik vermag es, diese Körper zu ergreifen und zu verwandeln. Man wird gepackt und angerührt von der wilden Meute. Es ist eine Gratwanderung, wie hier religiöse Bildmotive und Anspielungen auf kriegerisch-sexuelle Grausamkeit überblendet werden. Augustijnen traut man zu, dass er nicht nur Hühner hypnotisieren kann. Sandra Luzina

29. und 30.5., 19.30 Uhr im HAU 1

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