Kultur : KURZ & KRITISCH

Sybill Mahlke

KLASSIK

Sturmglocken

mit Silberzunge

In ihrem Mai-Heft poträtiert die „Opernwelt“ eine Primadonna aus England, ohne deren Geburtsjahr zu nennen. Wie es sich in der Branche gehört. Tatsächlich erscheint Dame Felicity Lott , die in der Philharmonie der Staatskapelle Berlin begegnet, alterslos in ihrer hochgewachsenen Schönheit und dem Charme ihres Singens. Eine Mademoiselle Silberklang, mit Mozart zu sprechen. Dessen Bühnenpartien favorisiert die Dame des Britischen Empire wie die von Richard Strauss. Versteht sich, dass Benjamin Brittens Opern in ihrem Repertoire nicht fehlen. Mit dem Rimbaud-Zyklus ihres Landsmannes, „Les Illuminations“ für hohe Stimme und Streichorchester, ist sie innig vertraut. Es sind Gedichte, die seelische Erfahrungen des modernen Menschen registrieren: „Sturmglocken singen die Sehnsucht der Völker.“ Britten, der Eklektiker zwischen elisabethanischer Musik und Schönberg, gelangt zu einer Originalität, die ganz ihm selbst gehört: In der Synthese zeigt sich das Genie. Ob die Streicher die Rolle der Trompeten(-„Fanfaren“) schultern oder im Flageolett flüstern, sie dienen sensibilisiert dem Melodiker Britten und seiner Interpretin Lott. Das macht, dass Philippe Jor dan am Pult steht, ein Dirigent, mit dem die Staatskapelle seit längerem zu punkten weiß. Treulich widmen sich die Musiker Arvo Pärts „Cantus in Memory of Britten“, einem anschwellenden Gesang, in dem die Skala zur Melodie wird, und effektbewusst der „Scheherazade“ von Rimski-Korsakow. Man hört, woher Strawinsky kommt.

KUNST 1

Unscharfe

Scherenschnitte

Vor zwölf Jahren legte der japanische Ableger der DaimlerChrysler AG ein Stipendiatenprogramm für junge Künstler auf, bestehend aus einem dreimonatigen Aufenthalt im Südwesten Frankreichs, einer Ausstellung und einer Publikation. Derzeit sind die Werke der zwölf Preisträger des Art scope Japan im Weinhaus Huth am Potsdamer Platz zu sehen (täglich 11-18 Uhr, nur noch bis 6. Juni) und als Erstes drängt sich der Eindruck auf, dass es recht unjapanisch zugeht. In dieser Ausstellung gibt es keine Mangas, keinen Mariko-Mori-Bombast, keine High-Tech-Fotos. Es sind stille, auch traditionellere Arbeiten. Der 1957 in Tokio geborene Seigen Kyu dachte bei seinen runden Drahtgeflechten, in denen der Blick sich erst festsaugt und dann labyrinthisch verliert, wohl an alte Formen buddhistischer Prunkschilde; Asako Tokitsu, auch aus Tokio, paraphrasiert in elegantem Gestus die Kunst der Kalligrafie; beide, Kyu wie die zwölf Jahre jüngere Tokitsu, verstehen es, den Traditionen zeitgenössische Frische zu verleihen. Deutlich im Trend der neuen sachlichen Malerei liegen Yasuko Iba (*1967, Kyoto), Takanobu Kobayashi (*1960, Tokio) und Nobuyuki Takahashi (*1968, Kanagawa). Ein Dessertteller in Anschnitt und Nahsicht, Landschaften, reduziert auf zwei, drei Farben als gemalte Scherenschnitte, die wie bei einem Foto auf „unscharf“ gestellten Blätter eines Baumes in der Mittagssonne: das ist der internationale Stil, schön anzuschauen, aber nicht schön genug, um es nicht auch leicht wieder zu vergessen. Ulrich Clewing

KUNST 2

Das Kynische

der Kunst

Der Hund hat nicht gebellt. Was aber heißt das für eine Ausstellung, die vor ihm warnt? „Cave Canem“ – Vorsicht vor dem Hund! Mit diesem Hinweis breitet Alfonso Hüppi , emeritierter Professor der Düsseldorfer Kunstakademie und Mitglied der Akademie der Künste, in der Guardini Galerie seine Arbeiten aus (Askanischer Platz 4, Di–Fr 14–19 Uhr, bis 2. Juli). Es ist eine Blütenlese seiner Reisen, auf denen ihn häufig Studenten begleiteten. Hüppi (Jahrgang 1935), der Pädagoge, zeigt mit „Cave Canem“ das Kynische am Künstlersein, sein Unterwegssein, das Bein hebend, an allem schnuppernd.

An Hüppis Denken und Arbeiten besticht vor allem seine Neugierde. So ist ein Raum mit über hundert Fotografien dem Motiv des Tores gewidmet, dem Hüppi in den letzten Jahren in Nordafrika und dem Vorderen Orient nachspürte. Das Tor markiert die Schwelle, den Platz der Erwartung, baut eine Barrikade und lockt gleichzeitig mit ornamentalem Schmuck. Seine letzte Reise als Lehrstuhlinhaber führte Hüppi nach Armenien. Seine dunklen unscharfen Aufnahmen von Heiligtümern, Gräbern und Grotten hat Hüppi mit schwarzem Filzstift überzeichnet, vergrößert und auf Gewebe gedruckt. Sechzehn große Tücher schweben im unteren Raum der Galerie. Von dem verwischten, tonigen Hintergrund hebt sich in schwarzen klaren Linien eine groteske Szenerie ab, als hätten Kobolde oder junge Hunde die Herrschaft über das Grafitti erlangt. Auch wenn der Hund nicht bellt, bleibt er doch unübersehbar. Frank Frangenberg

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