Kultur : KURZ & KRITISCH

Volker Lüke

PUNK

Das Empire wehrt

sich immer zuerst

Von einer Legende wie Bad Religion erwartet man keine Überraschungen. Bereits seit 22 Jahren steht das Symbol mit dem durchgestrichenen Kreuz für soliden Power-Sound, angesiedelt zwischen Hardcore und Melodie-Metal, manchmal aufgelockert durch eine moldawische Volksweise. Dabei hat sich die kalifornische Punk-Institution stets den allerneusten Trend-Krachverästelungen verweigert und eine ungebrochene Rebellen- Identität angenommen. Alle Menschen sollten so sorglos durchs Leben rutschen wie ihre Plektren über die Gitarrensaiten. Hymnisch gewitternd donnern sie in der Columbiahalle durch alle Klischees, die das Genre zu bieten hat. Das betrifft die Riffs, die Melodien, den Gesang, das Gitarrengeballere und die Texte über Angst vor Atomen, Kontrolle, Wahnsinn, Macht, Untergang, Gewalt. Mann, bist du froh, wenn du die ersten Stücke überstanden hast und nach 70 Minuten bis zum Finale von „21st Century (Digital Boy)“ durchgedrungen bist. Greg Gaffins Stimme ist ein leicht überdrehtes Shouting, während „Mr. Brett“ Gurewitz an der schneidigen Lead-Gitarre jault und dazu seine Haare schüttelt – Bränng!!! Größe zeigen. Bratzknüppeln wie Sau. Dann noch ein Song against the Bush Administration: „The Empire Strikes First“, das Titelstück des neuen Albums, das im Juli erscheinen soll. So sind Punks: verantwortungsbewusste Mitbürger, die ihren Präsidenten stürzen und die Welt retten wollen.

POP

Wenn ein Schwabe

Esperanto spricht

Besser kann eine Stadt einen Neuankömmling kaum empfangen. Zwei Jahre lebt Max Herre jetzt in Berlin. Am Montagabend betritt er erstmals die Bühne im Tränenpalast und 650 Fans jubeln ihm zu. „Ich fühl’ mich wieder wie mit 19“, sagt der 31-jährige Ex-Freundeskreis-Frontmann. Das sei das Gefühl, das er fünf Jahre lang vermisst habe.

Auch das Berliner Publikum scheint den gebürtigen Schwaben vermisst zu haben. Frenetisch feiert es jeden Song von „Leg dein Ohr auf die Schienen der Geschichte“ über „Esperanto“ bis zu den Stücken vom im August erscheinenden Soloalbum. Dabei bewegt sich Max Herre stilsicher zwischen HipHop, Soul, Rock und Reggae, wobei ihm die warmen Soulnummern noch immer am besten liegen.

Zur Seite steht ihm auch Ehefrau und Soul-Hoffnung Joy Denalane. „Erste Liebe“ und „Mit dir“, zwei Liebesnummern, die in einem innigen Kuss gipfeln und dem Publikum die Harmonie der beiden demonstrieren.

Doch auch die Geschichte seines größten Hits „Anna“ nimmt er wieder auf und lässt sie weiterleben. Acht Jahre nach der ersten Begegnung treffen sie sich wieder. Beide mit Kind am Arm und dem Gefühl im Bauch, dass alles auch anders hätte laufen können. Insgesamt ein Abend, der Lust macht auf mehr von dem schlanken Lockenkopf – vielleicht bei einem seiner Open-Air-Konzerte und ganz sicher mit seiner neuen Platte im Sommer. Christian Suhrbier

ARCHITEKTUR

Propaganda

mit der Postkarte

Die Bildpostkarte ist ein Medium der Moderne. Erst 1885 im Deutschen Reich postalisch zugelassen, wurden 1899 bereits 88 Millionen Exemplare gedruckt. Modernes Gerät kam auf die Karte, wenn es dem Transfer zwischen Sehnsuchtsorten diente: Dampfschiffe, Lokomotiven, Zeppeline. Zeitgenössische Architektur hatte es da lange schwer. Der Designer und Sammler Bernd Dicke trug dennoch etliche avancierte Architekturbild-Postkarten der 1910er bis 1930er Jahre zusammen. Die Stiftung Bauhaus Dessau zeigt nun rund 200 seiner „Modernen Grüße“ (Dessau, Meisterhaus Schlemmer, bis 6. Juni. Katalog 20 €).

Die Auswahl dokumentiert das „Neue Bauen“ zwischen Celle und Breslau, Wilhelmshaven und Waldenburg. Natürlich kommt man in Dessau nicht um die Bauhausbauten-Serie von Lucia Moholy herum, die auch im Kartenformat eher als Propagandamittel diente. Mit knallenden Kontrasten und dynamischen Eckansichten setzte Moholy 1926 Standards, die – so zeigt eine spätere Aufnahme des Bauhausgebäudes als Gauführerschule – auch in der NS-Zeit gültig blieben. Von der „Weißen Moderne“ am Stuttgarter Weißenhof bis zum Backsteinexpressionismus im Sakralbau war es oft nur ein kleiner Schritt. Am meisten überrascht aber die Qualität der Fotovorlagen. Zu Unrecht sind ihre Urheber, Professionals wie Otto Lossen, Paul Wolff oder Arthur Köster, nur noch Eingeweihten ein Begriff. Michael Zajonz

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