Kultur : KURZ & KRITISCH

Jens Hinrichsen

AUSSTELLUNG

Wie man im Grab

beichten lernt

„Wer auf die Sonne schaut“, steht im Totenbuch der Ägypter , „dem erschließt sich das Wesen der Finsternis.“ Das Ägyptische Museum widmet der seit dem Neuen Reich (ab 1540 v. Chr.) gewachsenen Spruchsammlung eine Ausstellung im Kunstforum der Berliner Volksbank (bis 5.9., Di–So 10–18 Uhr). Zu den kostbarsten Stücken gehört die 3600 Jahre alte, vergoldete Sargmaske der Pharaonentochter Sat-Djehuti. In den Papyri der Schau wird oft das Totengericht geschildert: Während die „Totenfresserin“ ihre Zähne bleckt, entscheidet Gott Osiris, ob dem Verstorbenen Verdammnis oder ewiges Leben blüht. Als Grabbeigabe kann in dieser Stunde das „Negative Sündenbekenntnis“ helfen, das im emphatisch wiederholten „Ich bin rein“ gipfelt. Eine aufwändig produzierte Audioführung lässt solche Zeilen lebendig werden. Das beeindruckendste Exponat jedoch ist eine Mumienbinde aus dem vierten Jahrhundert vor Christus. Auf 42 Metern Länge zieht sie mit Schrift- und Bildzeichen auf bräunlichem Leinen einen Außenkreis um die Ausstellung.

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BEUTEKUNST

Wie man russische

Argumente zerpflückt

Sogar Kulturstaatsministerin Christina Weiss lässt inzwischen den Mut sinken. Die Verhandlungen über Beutekunst seien „extrem frustrierend“. Was russischerseits seit Jahren vorgeführt wird, sind scheinjuristische Winkelzüge bis hin zu der Absurdität, die Bremer Kunsthalle könne ihren Eigentumsanspruch an der so genannten Baldin-Sammlung „nicht nachweisen“. Auf die mit dem Duma-Gesetz von 1998 eingetretene Rechtslage, die die Verstaatlichung der Beutekunst regelt, geht erstmals das Buch von Susanne Schoen in aller juristischen Ausführlichkeit ein. „Der rechtliche Status von Beutekunst“ legt die Völkerrechtslage in und nach dem Zweiten Weltkrieg dar, widmet aber den breitesten Raum der Situation seit dem deutsch-russischen Kulturabkommen von 1992 und dem konträren Duma-Gesetz sechs Jahre darauf. Punkt für Punkt zerpflückt sie die russischen Argumente. Ihr Fazit: „Das Beutekunstgesetz von 1998, mit dem das deutsche Kulturgut verstaatlicht worden ist, verstößt gegen die Eigentumsgarantie der Russischen Verfassung, den völkerrechtlich anerkannten Schutz von Kulturgut sowie gegen die Rückgabeklauseln im deutsch-sowjetischen Nachbarschaftsvertrag von 1990 und im deutsch-rusischen Kulturabkommen von 1992.“ Nüchterner kann man es nicht formulieren. Nur: Politisch nützen wird es so schnell nichts. Bernhard Schulz

Susanne Schoen: Der rechtliche Status von Beutekunst. Duncker & Humblot, Berlin 2004. 236 Seiten, 68,80 €.

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