Kultur : KURZ & KRITISCH

Julia Hellmich

AUSSTELLUNG

Mit Migration

auf Wanderschaft

Es gibt Ausstellungen, die der Besucher mit vielen Fragen verlässt. Nicht immer sind es anregende – wie bei Crossing Borders , einer Wanderausstellung im Museum Europäischer Kulturen (Im Winkel 6-8, bis 1. August). Nichts weniger als eine Collage zur europäischen Migrationsgeschichte soll sie darstellen. Sie entstand in einem europäischen Gemeinschaftsprojekt, wurde unter der Federführung des Museums für Arbeitswelt im österreichischen Steyr erarbeitet und besteht aus Beiträgen von Museen aus Dänemark, Schweden, Großbritannien, Spanien und Deutschland. Hierzulande sind gleich mehrere Einrichtungen beteiligt: das Museum der Arbeit in Hamburg sowie eine „Berliner Plattform“, zu der das Museum Europäischer Kulturen, das Deutsche Technikmuseum und der Museumspädagogische Dienst Berlin gehören.

Immerhin 120000 Euro betrug der Etat für die Entwicklung und Erarbeitung der Ausstellung: Sie besteht aus rund 70 Fotografien mit „Migrationsmotiven“ verschiedenster Art, etwa ein Türke beim Dönerbraten oder ein Busfahrer mit schwarzer Hautfarbe. Die Bilder sind mit kurzen Kommentaren versehen - wie „Einwanderung vom indischen Subkontinent. Das Sweet Centre in Manningham, Bradford, 1994“ zum Foto eines Mannes indischer Herkunft. An den Fotografien sind Kopfbedeckungen aus verschiedenen Kulturen angebracht. Zwischendurch sind Hörinstallationen vernehmbar, wohl auch aus verschiedenen Kulturen. Des Weiteren kann man auf einem Computer Webseiten zu Themen wie Migration, Flüchtlinge oder Integration ansehen.

Ob die überschaubaren und wenig originellen Ausstellungsstücke nicht auch günstiger hätten zusammengestellt werden können? Besonders bedauerlich ist allerdings, dass die gezeigten Objekte das große Thema „Migration in Europa“ nur unzureichend und oberflächlich aufgreifen. Die leitmotivische Frage der Ausstellung – welche Richtung die Europäische Union zur Einwanderungs-Thematik einnehmen wird – wird von den hier gezeigten Fotografien verfehlt. Dagegen gibt es mitunter bizarre und unpassende Funde. Beispielsweise die Abbildung von bis unter die Zähne bewaffneten Polizisten anlässlich einer Demonstration, neben der als Kommentar steht: „Berlin, 1. Mai: Polizisten staunen über die multikulturelle Demonstration, mit der sie konfrontiert sind – Türken, Kurden und Kreuzberger Anarchisten“. Soll das ironisch gemeint sein? Oder die Berliner Straßenschild-Bilder im Vorraum der Ausstellung, unter denen sich die „Kongostraße“ findet, die mit Migration leider gar nichts zu tun hat. Klar, diese Fotos gehören auch nicht zur Ausstellung, der Verantwortlichen vom Museum Europäischer Kulturen zufolge sind sie dazugestellt worden, weil sie auch in den Kontext „Fremdsein“ passen. Der unbedarfte Besucher weiß das allerdings nicht.

Es stellt sich der Eindruck ein, dass hier zwar viel Geld vorhanden war, das zündende Konzept aber gefehlt hat. Um das drängende Thema ist es schade.

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THEATER

Wenn Mädchen zu sehr

für Pferde schwärmen

Mädchen und Pferde bilden eine innige Verbindung, wie man weiß. Die Pferdenärrinnen in Stiefel und Sporen, die in Barbara Webers Inszenierung Ponyhof das Kommando übernehmen, sind nun ganz und gar nicht unschuldig. Dieser Ponyhof, der da auf der Bühne des HAU 2 steht, sieht ganz idyllisch aus – und ist doch eine fatale Männerfalle. Eine Frauenkommune hat sich hier mit dem Vorsatz eingenistet, ihre Vorstellungen von Liebe und Sex zu revolutionieren. Also stellen sie die Regel auf, dass jeder Liebhaber nach fünf Tagen umgebracht werden muss. Diese Stallordnung kann so lange aufrechterhalten werden, bis ein Ex-Freund von Peggy aufkreuzt.

In seinem 1969 gedrehten Film „Rote Sonne“ erzählt Rudolf Thome vom Scheitern einer radikalfeministischen Utopie. Uschi Obermeier ist die Peggy. Sie trägt ein weißes Minikleid, lässig hält sie die Pistole wie ein Phallussymbol. Nun schwingen die Töchter der 68er-Emanzen das Lasso – und fuchteln erbärmlich mit dem Revolver herum. Der will partout nicht ins Designer-Handtäschchen passen. Kreuzung aus Großstadtschlampe und Amazone, hauen sie sich feministische Diskursbrocken um die Ohren, haben aber vor allem modisch-kosmetisch aufgerüstet, um Körpermacht auszuüben. Barbara Weber entlarvt das Killergirl als zitierbare Pop-Pose. So schmückt ein silberner Lametta-Vorhang den Liebeszoo. Und die Männer, Machos vom alten Schlag, schreiten freudig in ihr Verderben. Denn die Frauen gehen sich selbst in die Falle beim Versuch, ihre Gefühle im Zaum zu halten. Was als feministische Rachefantasie begann, wird zum Blues über weiblichen Verrat und Selbstbetrug. Doch zumindest gibt es viel zu lachen in Webers postfeministischem Komödienstadl. Sandra Luzina

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MUSIKTHEATER

In der Hölle

der Familie

Etage Nummer eins: Auf der unteren Bühne des Hebbel-Theaters (HAU 1) spielen zwei Figuren in wechselnden Rollen alle Höhen und Tiefen familiärer Gebundenheit durch. Vor allem die Tiefen: Abhängigkeit, Herrschsucht, Demütigung und unfreiwillige Pflichterfüllung. Gelegentlich pausieren die Kontrahenten und Etage Nummer zwei kommt ins Spiel, ein reglos über dem Geschehen verharrender Engel – dargestellt von Katja Guedes – haucht übersinnlich zarte Töne in den Saal. Eingehüllt wird er von delikaten Klangflächen, vom Ensemble Resonanz gelegentlich mit Cembaloklängen und ein paar Streichergeräuschen aufgeraut. Allzu wörtlich hat Klaus Lang den Titel seines Musiktheaters zwei etagen.keine treppe in die dramaturgische Konzeption übersetzt. Nirgends ragt die Musik ins Theatergeschehen, streng teilt Lang alle Elemente voneinander. Das setzt sich bis ins Programmheft fort, das die deprimierende Darstellung familiärer Beziehungen auf der Bühne mit einer Eloge auf die Wiederkehr der Familie in Zeiten wirtschaftlicher Verunsicherung kontrastiert. Schon wahr.

Ganzheitlich stellt sich die Wirklichkeit heute niemandem mehr da; die Vorstellung vom Subjekt, das sich ein einheitliches Weltbild konstruiert, ist antiquiert. Aber ein paar Andeutungen zum daraus erwachsenden Konfliktpotenzial täten der Dramaturgie gut. Langs Anordnung der radikalen Trennung schafft kristalline Klarheit, aber auch eine gewisse Spannungsarmut. Zum Schluss senkt sich die Engelsetage erdrückend auf die Protagonisten des familiären Kleinkriegs: Das wirkt gewollt – und kommt zu spät, es kann dem Stück keine überzeugende Wendung mehr geben. Ulrich Pollmann

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